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BREGENZER FESTSPIELE: Freiheit, Gleichheit, Widersprüchlichkeit

Das Beste zum Schluss: Mit «Le nozze di Figaro» läuft der dreiteilige Mozart-Zyklus des Opernstudios rasant und siegreich ins Ziel. Neben den prächtigen jungen Stimmen überzeugt auch Jörg Lichtensteins präzise musikalische Regie.
Bettina Kugler
Der kleine Page Cherubino (Natalia Skrycka, rechts) weiss zu viel und hält seine Lust nicht im Zaum – das muss er büssen. Basilio (Uwe Gottswinter) und Graf Almaviva (Vincenzo Neri) machen sich aus dem Machtspielchen eine Mordsgaudi. (Bild: Bregenzer Festspiele/Karl Forster)

Der kleine Page Cherubino (Natalia Skrycka, rechts) weiss zu viel und hält seine Lust nicht im Zaum – das muss er büssen. Basilio (Uwe Gottswinter) und Graf Almaviva (Vincenzo Neri) machen sich aus dem Machtspielchen eine Mordsgaudi. (Bild: Bregenzer Festspiele/Karl Forster)

Bettina Kugler

Ein Mann mit klarem, kritischem Verstand wie Regisseur Jörg Lichtenstein kann sich nur verwundert die Augen reiben: Sind denn hier alle verrückt geworden? Und wo bitte geht es zur Revolution, die dieses Stück doch so schmissig ausruft? «Le nozze di Figaro», Mozarts aufmüpfige Oper gegen die Willkür der Obrigkeit, stürmt nicht geradeaus auf die Barrikaden. Stattdessen nimmt sie ein Höchstmass an Umwegen. Sie braucht Fluchtwege und Hintertüren, Schlüssellöcher und gefälschte Briefe, Verstellung und Verkleidung. Sie fordert permanente Geistesgegenwart, gerade weil die Figuren in wildem Zickzack agieren: getrieben von Situa­tionen, in die sie sich, vermeintlich schlau in ihrer Liebesnot, selbst hineinmanövriert haben.

Nichts als Türen auf der leeren Bühne

Mozarts Vorlage heisst nicht umsonst «Une folle journée»; die perfekt gebaute Komödie des Franzosen Beaumarchais fiel der Zensur zum Opfer. Verrückt sind die politischen Verhältnisse am Vorabend der Revolution. Noch verzwickter aber wird es, wenn ausserdem Begehren und Gefühle ins Spiel kommen. Und wenn ein Stück, so anspruchsvoll und dennoch federleicht, szenisch schon derart gründlich ausgelotet ist wie «Le nozze di Figaro». Kann man ihm überhaupt noch einen neuen, originellen Dreh geben? Man kann. Erstens mit jungen, vielversprechenden Sängern, die sich noch unvoreingenommen ihre widersprüchlichen Rollen aneignen: Das ist zum dritten Mal der Trumpf des 2015 aus der Taufe gehobenen Opernstudios der Bregenzer Festspiele.

Zweitens klappt es, wenn ein Bühnenbildner so beherzt wie ­Nikolaus Weber die Flucht nach vorn antritt und die Einrichtung auf Türen und Türrahmen reduziert. Diese werden auf der leeren Bühne (eine Hinterbühne am Theater) rasant hin- und hergeschoben, was das Verwirrspiel optisch noch dynamischer macht – und den Sängern selten Gelegenheit bietet, nur unverbindlich herumzustehen. Denn sie selbst sind als Bühnenarbeiter mit Zopf und Perücke im Einsatz. Zopfig freilich wirkt die Oper keine Sekunde lang; dafür steht zum dritten Mal Hartmut Keil am Dirigentenpult des transparent musizierenden Symphonieorchesters Vorarlberg. Das Quecksilbrige der Partitur ist bei ihm in guten Händen; lieber riskiert er hin und wieder kleine Wackler, statt auf Nummer sicher zu dirigieren. Auch das bringt die jungen Sänger in Schwung. Adam Kutny ist ein kernig-voluminöser Figaro, Anat Edri als Susanna seine kluge, geradlinige Braut; in den Ensembles tritt ihr schlanker Sopran stellenweise zu sehr zurück. Vincenzo Neri als Graf gockelt mit selbstbewusster Eleganz und Wendigkeit; Natalia Skrycka als Page Cherubino erntet reichlich Szenenapplaus für so viel jugendlich libidinöse Verwirrung in Spiel und Stimme. Überragend ist Mojca Bitenc als Gräfin, was freilich die Leistung der übrigen nicht in den Schatten stellt.

Nach «Così fan tutte» (ebenfalls unter der Regie von Jörg Lichtenstein) und «Don Giovanni» im vergangenen Sommer bildet «Le nozze di Figaro» den krönenden Abschluss des Mozart-Zyklus. Krönend nicht zuletzt deshalb, weil wiederum kein arg herbeibemühtes Konzept den Blick auf die ohnedies hochkomplizierte Handlung verstellt. Vielmehr hört Lichtenberg genau auf jedes Detail aus dem Graben und führt die Figuren Note für Note, Wort für Wort durch die gar nicht so komische Komödie. Mag er den Kopf schütteln über all das Getue mit Brieflein und Intrigen: Für die vorherrschenden Machtverhältnisse findet er prägnante Bilder. Etwa, wenn er den Rollstuhl, in dem der alte Bartolo aufkreuzt, zum dürftigen Versteck umfunktioniert – und schliesslich zum Streitwagen, den der bedauernswerte Cherubino ziehen muss. Die Hackordnung wird hier sadistisch ausgestellt, auch von Figaro. Von Brüderlichkeit ist die Welt in Graf Almavivas Lustschloss meilenweit entfernt.

Weitere Vorstellungen: 17. und 19.8, 19.30 Uhr, Vorarlberger Landestheater Bregenz

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