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BREGENZER FESTSPIELE: Die Brandung der Gedanken

Zwei Jahre lang konnte das Publikum die Entstehung der Oper «To the Lighthouse» von Zesses Seglias miterleben. Am Mittwochabend feierte das Stück nach Virginia Woolfs Roman die Uraufführung.
Bettina Kugler
Zurück auf der Isle of Skye, umstellt von Erinnerungen: Aus Virginia Woolfs Roman wird eine Kopfoper. (Bild: Bregenzer Festspiele/Anja Köhler)

Zurück auf der Isle of Skye, umstellt von Erinnerungen: Aus Virginia Woolfs Roman wird eine Kopfoper. (Bild: Bregenzer Festspiele/Anja Köhler)

Bettina Kugler

Wenige Worte, dazu ein sarkastisches Grinsen, scharf wie ein Messer mit schmaler Klinge: Das genügt, um Mordgelüste zu wecken im sauber gescheitelten Köpfchen des kleinen Jack. Gut, dass jetzt keine Axt in Griffweite ist, kein Schürhaken, nur das Papierschiffchen in seiner Hand, sichtbares Zeichen der kindlichen Idée fixe, es könnte morgen früh wie versprochen eine Bootsfahrt zum Leuchtturm geben. Bei gutem Wetter. «Bloss», sagt der Vater, «wird es nicht schön sein.»

Um diese familiäre Urszene spinnt sich Virginia Woolfs kühner Roman «Zum Leuchtturm»; viel mehr passiert nicht im Sommerhaus der Ramsays auf der Isle of Skye. Die Fahrt zum Leuchtturm wird stattfinden – zehn Jahre später. In der Zwischenzeit geht eine Welt unter. Der Erste Weltkrieg fegt über den Kontinent hinweg, das Meer brandet ungerührt weiter. Das eigentliche Drama aber brodelt in der Tiefe der Figuren und wird im Text beständig an die Oberfläche gespült: ein Knäuel von Gedanken, Hoffnungen und unaussprechlichen Empfindlichkeiten. Was sonst allenfalls zwischen den Zeilen steht: Virginia Woolf, von Zeitgenossen «Joyce for Ladies» genannt, bringt es zur Sprache.

Der einsame Künstler wird zum öffentlichen

Aus diesem Stoff ist, über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren hinweg, Zesses Seglias Oper «To the Lighthouse» entstanden. Am Mittwochabend hat das knapp neunzigminütige Werk des jungen Griechen für neun experimentierfreudige Gesangssolisten und grosses Ensemble seine Uraufführung auf der Werkstattbühne des Festspielhauses gefeiert. Den Weg dorthin konnte das interessierte Publikum seit Mai 2015 in sieben Etappen mitgehen: von der ersten Annäherung an die Vorlage bis hin zu einer öffentlichen Probe des Symphonieorchesters Vorarlberg. Im neu installierten «Opernatelier», so die Vision von Intendantin Elisabeth Sobotka, soll der mit einem Werk beauftragte Komponist kein Einzelkämpfer im künstlerischen Elfenbeinturm sein, sondern Teil eines kreativen Gespanns und im Dialog mit den Leuten.

Das Pilotprojekt brachte Zesses Seglias zusammen mit Librettist Ernst Binder, dem Dramaturgen Olaf A. Schmitt und dem dänischen Künstler Jakob Kolding. Gemeinsam waren sie von Beginn an mit den künftigen Musikern und der Öffentlichkeit in Kontakt. Dafür gab es in regelmässigen Abständen «Einblicke» im Kunsthaus Bregenz. Nach Binders überraschendem Tod im Januar wurde kurzfristig Olivier Tambosi als Regisseur gewonnen, zuletzt mit Faccios «Hamlet» im Bregenz tätig. Er konnte auf reichlich Vorarbeit aufbauen.

Silbenfetzen, innere Stimmen, Kopfmusik

Der sanfte Druck, rohe Ideen vorzustellen und zu erläutern, sagt Seglias rückblickend, habe sie alle angespornt, noch tiefer zu gehen, und ermöglicht, «uns an Orten wiederzufinden, an die wir ansonsten nicht gekommen wären». Auch ohne die «Einblicke» und Fenster auf ein wachsendes Werk findet das Publikum an der Uraufführung unmittelbar dorthin, obwohl der Text (respektive das, was davon übrig bleibt), komplex ist. Binders Libretto konzentriert sich aufs Wesentliche: die Hauptfiguren, ihre markanten Wesenszüge und Obsessionen. Jakob Kolding stattet sie mit Gegenständen aus, die wirken wie vergrösserte Ausschnitte aus dem Fotoalbum, dem Kunstband oder Geschichtslehrbuch.

Die Partitur schichtet das Wenige, was sie tatsächlich reden, und ihre inneren Stimmen, das ständige Geplapper der Gedanken: so dicht, dass es stellenweise unmöglich wird, das Gehörte mit der Textmenge auf dem Übertitel-Monitor zu synchronisieren. Dann ist es besser, sich treiben zu lassen auf dem suggestiven musikalischen Bewusstseinsstrom, der bei Claire Levacher am Dirigentenpult souverän zusammenläuft. Die Instrumentalisten und Sänger wie Christie Finn, Dalia Schaechter und Sophia Burgos leisten Grossartiges, um aus Seglias feinnerviger Kopfmusik eine Geschichte zu machen: eine Oper ohne Handlung, die tief ins Drama der menschlichen Seele leuchtet. Und messerscharf ins träge Fleisch schneidet.

Weitere Aufführung: Heute Fr, 20 Uhr, auf der Werkstattbühne des Festspielhauses Bregenz

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