Bräuche widerspiegeln das Leben

Die Bräuche unserer Vorfahren waren Orientierungshilfen im Alltag, gleichzeitig aber waren sie Einengung auf normierte Vorgaben. Dass altes Brauchtum verschwindet, leuchtet deshalb ein. Doch die ordnende Kraft von Bräuchen lebt weiter.

Beda Hanimann
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Unheimlich, aber lebensnah: Dämonengestalt an einem Krampus-Brauch im österreichischen Kaprun. (Bild: imago/Eibner Europa)

Unheimlich, aber lebensnah: Dämonengestalt an einem Krampus-Brauch im österreichischen Kaprun. (Bild: imago/Eibner Europa)

Heute entscheidet sich, wie der Januar wird. Gäbe es Schnee, würde er kalt. Wie das Wetter am Dienstag ist, so wird es auch im Mai sein. Sonne am Mittwoch verheisst eine gute Obsternte. Gibt es dagegen an Silvester Wind und Sonnenschein, dann sieht es schlecht aus um die kommende Weinlese.

So verheissen es die Regeln der Rauhnächte, der Tage zwischen Weihnachten und Dreikönig also. Die elf Tage und zwölf Nächte gelten als Zeit zwischen den Zeiten, weil sie die Lücke füllen zwischen dem Mondjahr, das nur 354 Tage hat, und dem Sonnenjahr mit 365 Tagen.

Die Gefahr des Waschens

Wegen dieser Konstellation spielen die Rauhnächte eine besondere Rolle im europäischen Brauchtum. Sie repräsentierten die Monate des bevorstehenden Jahres, man glaubte, die Seelen der Verstorbenen hätten Ausgang, die Dämonen trieben ihr Unwesen. Eine unheimliche Zeit also, daraus erwuchsen zahlreiche Bräuche. Mit dem Räuchern von Haus und Stall suchte man das Böse ebenso zu vertreiben wie mit Lärmbräuchen. Und weil die Zeit auch als besonders gefahrvoll galt, waren Arbeiten wie Holzspalten oder Pferdebeschlagen verboten. Wer in den Rauhnächten Wäsche wusch und aufhängte, provozierte mit seinem Tun einen Todesfall.

Orientierungshilfen im Alltag

«Die Menschen vertrauten darauf, dass ihnen in der Zeit der Rauhnächte die Bräuche dabei halfen, die Zeichen in der Natur richtig zu deuten», schreibt Valentin Kirschgruber. Sein Buch «Von Sonnwend bis Rauhnacht» zeigt aber ebenso wie Helga Maria Wolfs «Verschwundene Bräuche» (siehe Kasten), dass das für das ganze Jahr galt. Fast jeder Namenstag hat seine Bedeutung im Brauchtum, jedes Wetter- und Jahreszeitenereignis, sogar körperliche Eigenheiten der Menschen wie grosse Ohren waren einst mit Bräuchen verknüpft.

Beim Blättern in Wolfs Buch, das alphabetisch von Adam-und-Eva-Spiel bis Zylinder gegliedert ist, zeigt sich deutlich: Die Bräuche im Jahresablauf waren auch Orientierungshilfe und Leitplanken, sie waren Regulativ und spiegelten die gängigen Normen des Lebens. «Die Landbevölkerung erhoffte sich von ihren Ritualen Schutz und Segen. Die bestehende Gemeinschaft sollte nach bewährten Regeln funktionieren, dazu gehörten auch soziale Kontrolle, Rüge- und Heischebräuche», schreibt Wolf.

Der Druck des Normierten

Bei näherer Betrachtung der verschiedenen Bräuche zeigt sich aber auch: Was Orientierungshilfe und Leitplanke war, war gleichzeitig eine starke Vorgabe und damit Einengung. In den Bräuchen waren Standards einer korrekten Existenz vorgegeben, wer sich nicht daran hielt, fiel aus dem Rahmen und wurde gebrandmarkt. Mit dem Brauch des Palmesels etwa wurden Langschläfer und also Nichtstuer entlarvt, und wer «sein Leben nicht nach den überlieferten Ordnungen im Ehestand vollenden konnte», lief Gefahr, zum Wiedergänger zu werden. In Niederösterreich wurden dafür beim Begräbnis die Figuren der schwarzen und der weissen Braut eingeführt. «Damit war symbolisch das Leben der Norm gemäss erfüllt», berichtet Wolf.

Es ist kein Zufall, dass vor allem in der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert zahlreiche Bräuche verboten wurden, weil sie mit ihrem Kult um das Unerklärliche dem rationalen Denken zuwiderliefen. Ebenso verständlich ist es, dass im 20. Jahrhundert viele Bräuche verschwanden. Das war auch eine Befreiung und eine Überwindung überlieferter Normen, die in einer sich öffnenden, individueller gewordenen Gesellschaft als Anachronismus wirkten.

Neue Formen des Brauchtums

Dass das Brauchtum unserer Vorfahren im 21. Jahrhundert wieder stärker gepflegt oder mindestens beachtet wird, belegt jedoch die ordnende Kraft, die ihm innewohnt. Im Zerfall der Werte spielt wieder der Mechanismus der Orientierungshilfe. Alte Bräuche sind zwar oft nur noch Folklore, in der kein tieferer Sinn mehr erkennbar ist. Aber normierte Verhaltensweisen etablieren sich auch in der modernen Gesellschaft – und Bezüge zu einst sind offensichtlich. Die Silvesterraketen erinnern an alte Lärmbräuche, die arbeitsfreien Tage zwischen Weihnachten und Neujahr haben heute einfach einen anderen Hintergrund. Und die alten Heischebräuche können als Frühform heutiger Bettelaktionen in der Weihnachtszeit gesehen werden.

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