Botanische Raritäten am Hang

Ursula und Rudolf Steiner gärtnern seit 47 Jahren zusammen um ihr Haus in Bühler. Sie haben 1400 verschiedene Blumen angepflanzt, darunter einige Raritäten. Eine Wonne – nicht nur für Schmetterlinge und Bienen.

Melissa Müller
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Im ausserrhodischen Bühler findet sich ein kleines Gartenwunder mit 1400 Pflanzen – das man auf Anfrage sogar besichtigen kann. (Bild: Michel Canonica)

Im ausserrhodischen Bühler findet sich ein kleines Gartenwunder mit 1400 Pflanzen – das man auf Anfrage sogar besichtigen kann. (Bild: Michel Canonica)

Kürzlich kam ein Kaminfeger zum Ehepaar Steiner. Der Mann war hin und weg, als er die Blumenpracht sah. «Darf ich noch ein paar Minuten hier bleiben und Ihren Garten geniessen?», fragte er nach getaner Arbeit.

Schmetterlinge gaukeln über den Büschen. Das Auge labt sich an Grün, Rosa und Gelb in allen Schattierungen. Und am Königsblau des Rittersporns.

Die pensionierten Lehrer Ursula und Rudolf Steiner gärtnern seit 47 Jahren und haben auf dem Steilhang rund um ihr Einfamilienhaus auf 600 Quadratmetern eine einzigartige Blumensammlung mit 1400 verschiedenen Arten angelegt. Gelegentlich beliefern sie den Botanischen Garten in St. Gallen mit ihren Raritäten. Die wildromantische Anlage der Steiners ist auch im Schweizer Gartenreiseführer beschrieben.

Das Gärtnern an der Hanglage im Ausserrhodischen Bühler ist beschwerlich. «Flachgärtner haben es einfacher», sagt Ursula Steiner. Schmale Wege aus Steinplatten schlängeln sich um den Hügel. Auf engstem Raum gedeihen 30 Arten Clematis, 45 verschiedene Pfingstrosen, über 40 Rosen. «Wir haben keinen grünen Daumen, wir botanisieren einfach gern», sagt Ursula Steiner. Das ist natürlich untertrieben. «Unser Garten erfordert ein tägliches Dranbleiben. Eine starke Präsenz», sagt die 74-Jährige.

Teamwork gegen Schnecken

Die Steiners haben zwei Söhne, die ebenso begeistert von Blumen sind. Die Eltern verwenden lateinische Ausdrücke, wenn sie über Pflanzen reden. Sie spazieren täglich über die Pflastersteine und sammeln Schnecken ein – «Schneckenkörner verwenden wir nur im äussersten Notfall». Dabei treffen sie Blindschleichen und Grasfrösche an.

«Schau, der Salomonssiegel ist zu gross geworden, er erdrückt alles», sagt Steiner zu seiner Frau. Was zu stark wuchert, muss in Schranken gewiesen werden. Dann diskutieren die beiden: Was soll weg, was darf bleiben? Er bereitet den Boden mit Kompost vor, sie setzt die Pflanzen.

«Bei uns blüht immer etwas», sagt Rudolf Steiner. Dennoch, der Januar sei die härteste Zeit für sie. «Wir nutzen sie, um zu trainieren.» Dann schauen sie Powerpoint-Präsentationen mit Fotos ihrer Blumen an, lernen die lateinischen Namen auswendig und fragen sich, was wo unter der Schneedecke rund ums Haus schlummert. Jetzt aber ist die schönste Zeit des Jahres, der Garten steht in Blüte. Nun laden Steiners oft Freunde des botanischen Zirkels ein, um die Pracht zu geniessen und auf dem Sitzplatz unter dem Sonnensegel ein Glas Süssmost zu trinken.

Viel Kleines, das man übersieht

Ein Bienenschwarm summt über einem hellblauen Teppich aus Glockenblumen. Und zwischen den Steinen eines Mäuerchens wächst ein Felsenteller aus den Pyrenäen. «Für viele wirkt unser Garten wild und unaufgeräumt», sagt Rudolf Steiner, der eine Datenbank über die Blumen führt. «Unser Garten ist wie eine Briefmarkensammlung. Die wirkt auf den ersten Blick ebenfalls unspektakulär, wenn man sich nicht auskennt.» Weil in einem Wohnquartier nicht beliebig grosse Pflanzen gesetzt werden können, sind hier viele kleine Exemplare anzutreffen, die man fast übersieht. Der grosse Mann im weissen T-Shirt pflückt ein filigranes rosa Blümchen – eine Sterndolde. Auf den ersten Blick unscheinbar, hat sie auf der Blattunterseite ein zauberhaftes Muster.

Sibirische Trollblume

Der pensionierte Oberstufenlehrer sammelt morgens Kräuter und Rosenblätter, um sich einen Tee zu brauen. Er schätzt auch die intellektuelle Auseinandersetzung mit Pflanzen, schmökert in dicken Bestimmungsbüchern und ist fasziniert vom romantischen Dichter und Naturforscher Adalbert von Chamisso. Jener nahm 1815 an einer Weltumsegelung teil und brachte den Kalifornischen Mohn mit, der heute an Strassenrändern blüht. Der Garten hat eine spezielle Struktur. Das Paar hat einen Bereich mit mediterranen Pflanzen angelegt. Am trockenen Südhang spriessen zwischen sonnengewärmten Steinen alpine Gewächse wie Arnika, Alpenaster und Hauswurz, daneben die Präriepflanzen aus den USA. Die Ecke rund um den Brunnen ist als Moor angelegt.

Reise zum gelben Adonis

Die meisten Blumen stammen aus Spezialgärtnereien aus Deutschland. Dort erwerben die Ausserrhoder Aussergewöhnliches wie den weissen Diptam, der gerade blüht – «Man sagt, es handle sich um den brennenden Dornenbusch aus der Bibel», sagt Ursula Steiner. Wenn die Sonne scheine und man mit der Pflanze in Berührung komme, ziehe man sich ziemlich üble Verbrennungen zu.

Die Steiners sind zurückhaltende, eher wortkarge Gärtner. Aber mit den Blumen reden sie gern. Um die bunten Lieblinge in freier Wildbahn zu sehen, reisen sie durch ganz Europa. Einmal fuhren sie ins Wallis, um eine gelbe Adonis vernalis zu sehen, die ganze Berghänge in Goldgelb taucht. In Saxon gebe es einen Adonisweg, «den man als Blumenliebhaber einfach gemacht haben muss». Die Steiners kennen auch einen raren Enzian, der nur in den Churfirsten wächst: Der Pannonische Enzian. «Die Churfirsten sind der westlichste Punkt Europas, an dem diese Pflanze wächst», sagt Ursula Steiner.

Vorher nichts als Rasen

Niemals würden Steiners wilde, geschützte Blumen wie etwa einen Frauenschuh ausgraben. «Das würde sowieso nicht funktionieren, weil die Pflanzen spezielle Bedingungen benötigen.» Sie beziehen alles aus Gärtnereien. Wobei sie jetzt ohnehin keine neuen Blumen mehr anschaffen wollen, sondern die 1400 erhalten, die sie haben.

Wie kam es zum Gartenwunder im Bühler? Ursula und Rudolf Steiner erzählen: Als sie vor 47 Jahren ins Einfamilienhaus im Quartier Mempfel einzogen, war da nichts als Rasen und Bäume. Sie richteten einen Gartensitzplatz ein, setzten die ersten Blumen und entwickelten ihre Sammelleidenschaft.

Der Privatgarten kann auf Anfrage besucht werden. Das Paar führt gerne durch sein Paradies.

«Wir botanisieren einfach gern», sagen Ursula und Rudolf Steiner. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Wir botanisieren einfach gern», sagen Ursula und Rudolf Steiner. (Bild: Hanspeter Schiess)

Bild: MELISSA MÜLLER

Bild: MELISSA MÜLLER