Bobo bleibt Bobo

Müsste man einen typischen Schweizer Popstar erfinden, es käme wohl DJ Bobo raus. In seiner Autobiographie versteht er seinen Erfolg selbst nicht. Unser Autor erinnert sich an persönliche Begegnungen.

Michael Graber
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DJ Bobo macht schweizerischen Eurodance für die grosse Welt, und das seit 25 Jahren. (Bild: Dorothea Müller/KEY (Zürich, 2. November 2003))

DJ Bobo macht schweizerischen Eurodance für die grosse Welt, und das seit 25 Jahren. (Bild: Dorothea Müller/KEY (Zürich, 2. November 2003))

Irgendwie hat fast jeder Schweizer seinen Bobo-Moment. Meiner war Mitte der Neunziger im Schwimmbad. DJ Bobo, damals gerade mit Hits wie «Somebody Dance With Me» und «Everybody» weit vorne in den Charts, sass entspannt unter einem Baum. Geduldig erfüllte er die Autogrammwünsche seiner Fans – auch meinen. DJ Bobo – das war vor der Jahrtausendwende die grosse Welt mitten in der kleinen Schweiz. René Baumann war ein Star, der am Abend die Mädchen zum Kreischen brachte und am Nachmittag relaxed in der Badi sass.

Diese Nähe ist bis heute das grosse Erfolgsgeheimnis von Baumann. Den Wahl-Luzerner Bobo traf man beim Baden, Spazieren oder auf der Skipiste. Extrawürste wollte er jeweils keine und stand am Skilift brav an wie alle anderen. Kurzum: DJ Bobo ist fast schon unanständig normal geblieben.

Keine Groupies, dafür Stofftiere

Jetzt legt er mit «DJ Bobo: Popstar – der ganz normale Wahnsinn» seine Autobiographie (geschrieben unter Mithilfe der Journalistin Judith Langhans) vor. Und: Die Normalität steckt nicht nur im Untertitel, sondern fast in jeder Zeile des Buches. Groupies, Drogen, Hotelzimmer zerdeppern? Fehlanzeige! «Mir schenkten die Kids Stofftiere, mal ein Nilpferd, mal ein Monchichi», schreibt Bobo. Alkohol trinkt er sowieso keinen, seit er sah, was der Schnaps mit seinem Stiefvater gemacht hatte.

DJ Bobo war zur richtigen Zeit am richtigen Ort

René Baumann ist der Prototyp eines Schweizer Popstars. Er ist anständig, lösungsorientiert und tut niemandem weh. Wie er seinen Weg vom Bäckerlehrling, der nebenbei Platten auflegt, zum erfolgreichen Popmusiker erzählt, hat etwas Zufälliges. Vieles passiert einfach, auch weil er zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Bobo bleibt Bobo. Das merkt man am besten an seiner Musik. Veränderung? Höchstens in homöopathischen Dosen. An seine ganz grossen Erfolge – die letzte Nummer-1 hatte er 2005 – kann er nicht mehr anknüpfen, aber deswegen sieht er keine Notwendigkeit, sich neu zu erfinden. DJ Bobo ist Eurodance.

Aber das stecken seine Fans locker weg. Und von ihnen gibt es immer noch viele. Auch dank seiner Shows. Bobos Konzerte sind Bombast – grosse Bühne, grelle Kostüme, Knalleffekte. Und mittendrin Bobo, der das alles selber am meisten zu geniessen scheint. Dass er die Töne nicht immer trifft, macht Bobo live mit fast schon kindlicher Freude wett. Auch hier ist er ein Meister der Dosis: Es knallt nicht zu laut, die Effekte sind nicht zu grell, und die Kostüme sind nicht zu aufreizend. Provozieren will DJ Bobo nicht, er will unterhalten. Das kann er besser.

So ist auch die Sprache in «DJ Bobo: Popstar – der ganz normale Wahnsinn» einfach gehalten. Bobo (oder Langhans) schreibt, wie er spricht. Das ist gefällig («Ich bekam einen Welthit geschenkt»), manchmal selbstkritisch («es war ein Scheisslied») und nur selten peinlich («Ich sah, dass nicht nur die Schlüssel prächtige Bommeln hatten, auch Brenda hatte welche.») Bobo berichtet von Touren, vom Kinderkriegen, aber auch vom Scheitern seiner ersten Ehe und wie er seinen leiblichen Vater mit 33 Jahren zum ersten Mal traf – das ist dann tatsächlich richtig rührend.

«Bobo sass nur auf dem Sofa und liess uns arbeiten», liessen sein erster Manager und Produzent in der «Schweiz am Sonntag» verlauten. Sie beschweren sich, dass ihre Arbeit im Buch verschwiegen wird. Bobo selbst äussert sich dazu nicht, gibt keine Interviews zu seiner Biographie. Über seinen Manager lässt er ausrichten, es gebe dazu nichts zu sagen. Weil er weiss, im Zweifel sind seine Fans immer für DJ Bobo.

DJ Bobo: Popstar – der ganz normale Wahnsinn. Goldmann 2016, S. 349, Fr. 22.–