Blutsschwestern mit gleicher Schuhgrösse

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Wir waren gerade mal seit einer Stunde unterwegs, da ging schon gar nichts mehr. Die Kolonne, die sich an diesem Sonntag von der Schwägalp Richtung Säntis schob, kam ins Stocken. Ich musste zusehen, wie mich sogar Familien mit Kindern locker überholten. Derweil ich halb humpelte, halb stolperte. Dabei hatte ich doch den Rat des Verkäufers brav befolgt. Hatte meine neuen Wanderschuhe gut eingelaufen. So weit dies in einer Dreizimmerwohnung überhaupt möglich ist. Besonders schwierig zu simulieren sind zu Hause aber Steigungswinkel von 20 Grad und mehr, wie sie sich meiner Ferse seit 15 Minuten präsentierten. Der Schuh musste vom Fuss. Grosser Fehler. Denn ist der blutige Schaden erst besichtigt, setzt die sofortige Demoralisierung ein. Je wieder in diesen Schuh hineinzukommen schien unmöglich. Die Rega wegen einer Blase am Fuss zu bemüssigen, schien dann doch etwas peinlich. Was tun? Schuhe tauschen. Nicht rechts mit links, sondern mit der hilfsbereiten Freundin. Ihr alter, butterweicher Wanderfinken gegen meinen steinharten Hightech-Schuh. Das Risiko, dass wir nach weiteren Höhenmetern beide mit blutenden Fersen am Wegrand sitzen, gingen wir ein. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Der Plan ging auf. Wir kamen beide frohen Mutes auf dem Säntisgipfel an. Doch damit nicht genug. Meine Wanderschuhe waren nach dieser Tour perfekt eingelaufen, wenn auch von zwei verschiedenen Personen. Sie begleiten mich noch heute, mehr als zehn Jahre später, bei allen längeren Wanderungen. Blasenpflaster packe ich seither aber auch immer ein. Schliesslich haben nur wenige meiner Freundinnen die gleiche Schuhgrösse wie ich.

Katja Fischer De Santi