Blüten, Farne – und Milben

Der Garten ist ein ganz wunderbarer Ort. Er beruhigt und lässt uns staunen. Er beherbergt Pflanzen und Tiere. Er bringt Schönheit hervor – gerade jetzt, da so vieles blüht. Doch vor allem erzählt der Garten auch die grandiose Geschichte des Lebens auf dem Planeten Erde. Rolf App

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Das wunderschöne Knabenkraut gehört zu den Orchideen. Unten (v. l.): Blühender Schnittlauch, Flockenblume, Knöterich. (Bilder: Rolf App)

Das wunderschöne Knabenkraut gehört zu den Orchideen. Unten (v. l.): Blühender Schnittlauch, Flockenblume, Knöterich. (Bilder: Rolf App)

Wenn es geregnet hat, sieht unser Garten vom Wohnzimmerfenster aus wie ein Dschungel. Farne recken ihre Wedel in die Höhe, Schachtelhalm wuchert am Hang, dazwischen Büsche, Gräser, Blumen.

Liste ohne Ende

Hinten hinaus lassen wir die Wiese wachsen, sie lohnt es mit ein paar Exemplaren des Knabenkrauts und anderem mehr. Kaum mehr zu sehen in der wild wuchernden Natur ist jetzt der kleine Teich. Wir nehmen die «Flora Helvetica» von Konrad Lauber und Gerhart Wagner zur Hand, ein dickes Buch mit jeder Menge Bildern. Dreitausend Pflanzen sind hier verzeichnet, samt Karten, wo sie bisher gesichtet worden sind.

Wir versuchen herauszufinden, was wir denn alles haben in unserem Garten – und kommen zu keinem Ende. Natürlich. Aber immerhin. Wir sehen Klee, Kuckuckslichtnelken und Kriechenden Günsel, einen Pfirsichblättrigen Knöterich, die geometrisch-blauen Flockenblumen. Wie schon in früheren Jahren beglücken uns ein paar Nachtkerzen mit ihrem abendlichen Blütenzauber, vor dem Ausgang wuchert der Thymian, oben im Beet treibt Schnittlauch seine Blüten. Glockenblumen, Ehrenpreis, das Habichtskraut, Wallwurz, das Massliebchen oder Margritli, die Akelei – die Liste mag kein Ende nehmen. Jetzt sind wir richtig stolz auf diesen Garten, in dem so vieles wie von selber wächst.

Bakterien machen den Anfang

Ins Auge fallen zuallererst die Blumen. Doch soll uns hier auch beschäftigen, was nicht darauf aus ist, mit schönen Farben und schlanken Formen Insekten anzuziehen: der Farn zum Beispiel und der Schachtelhalm. Das Moos an den Steinen. Sogar die kleinen Algen, die aus dem Brunnen aufsteigen, wenn das Wasser abgestellt ist. Und vielleicht werden wir sogar noch den Komposthaufen ins Auge fassen, den wir vorletzte Woche aufgesetzt haben. Jede Menge Käfer haben wir da gesehen, Rosenkäfer-Larven, Würmer, Milben.

Was wir nicht sehen, sind all die Bakterien, die unser Grünzeug verwerten. Sie stehen am Beginn jenes Lebens, das jetzt in unserem Garten wuchert. Begonnen hat es im Wasser und sich dann nach und nach vorgearbeitet aufs Land. Die Farne gehören wie die Schachtelhalme zu den frühesten Vertretern der Landpflanzen.

In einer sehr frühen Welt, drei Milliarden, vielleicht sogar dreieinhalb Milliarden Jahre zurück, tritt ein Bakterium seinen Siegeszug an, das unter Zuhilfenahme von Wasser das Licht zur Energiegewinnung nutzt. Cyanobakterien verwenden die Einstrahlung auf das grüne Pigment Chlorophyll, um gasförmiges Kohlendioxid in zwei Teile zu zerlegen: in Kohlenstoff, das es für die eigene Ernährung und sein Wachstum nützt, und in Sauerstoff, den es als Abfallprodukt in die Atmosphäre entlässt. Ihre grüne Farbe ist seither die Farbe der Natur. Cyanobakterien reichern die Atmosphäre mit Sauerstoff an, sie ebnen anderen, komplizierteren Organismen den Weg. Sie ordnen sich zu Stromatolithen an, klebrigen, mattenartigen Zusammenballungen, in denen die ersten komplexeren Zellen entstehen. Mit einem Zellkern und Organellen, die bestimmte Aufgaben übernehmen.

Was die Landpflanze braucht

Es ist der Schritt von den Prokaryonten, die sich durch Spaltung oder Teilung vermehren, und den sehr viel komplexeren Eukaryonten. In sie integriert worden sind die vormals frei lebenden Bakterien. Tiere, Pflanzen und Pilze sind allesamt Eukaryonten.

Vor zwei Milliarden Jahren tauchen die Aerobier auf, das sind Organismen, die Sauerstoff benötigen. Aber erst im Silur, das heisst vor etwa 410 Millionen Jahren, setzen sich erste, aus Algen entstandene Pflanzen auf dem Land fest. Was nicht leicht fällt, denn eine Landpflanze muss sich gegen Austrocknung schützen. Und sie braucht Licht. So entstehen Gefässpflanzen wie die Farne, die sich der Sonne entgegenrecken.

Eine Welt ohne Milben

Unser Garten: das sind auch die Tiere, die wir im Kompost entdecken, oder an jenem Stachelbeerbusch, dessen Blätter gerade hübsche Raupen bis auf die Rippen abgefressen haben. Die Bedeutung der ersteren beschreibt der Paläontologe Richard Fortey in seinem Buch «Leben» so: «Sollten die Springschwänze einen mysteriösen Tod erleiden – und mit ihnen noch die Milben, die auch im Erdreich leben, und auch die winzigen Pilze, von denen sie sich ernähren, käme es sehr rasch zu einer ökologischen Krise.» Nährstoffe blieben erneuter Nutzung entzogen, der Boden würde verarmen, grössere Pflanzen absterben – und die Tiere ihnen alsbald folgen.

Aus den gefrässigen Raupen aber werden jene Schmetterlinge, die unsere schönen Blumen ansteuern und ihre Ausbreitung sichern. Alles hat seinen Sinn.

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