Blind Date mit sich selbst

Eintauchen in die Stille

Melissa Müller
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Meine erste Alleinreise war ein Fiasko. Allein auf die portugiesische Blumeninsel Madeira, das hatte ich mir anders vorgestellt. Eine Grippe fesselte mich ans Hotelbett. Und niemand da, der mich tröstete und aufpäppelte. Selten so einsam gefühlt. Warum, fragte ich mich, war ich nur auf die blöde Idee gekommen, allein an diesen Ort zu reisen? Als die Grippe weg war, ging ich in ein Restaurant. So ein Dinner for One kann aber eine trostlose Angelegenheit sein. Vor allem, wenn man umgeben ist von Pärchen. «Wollen Sie sich zu uns setzen?», fragte eine Deutsche, deren Mitleid ich erregt hatte. Die Kellner warfen mir irritierte Blick zu; offensichtlich hielten sie mich für schrullig. In mediterranen Gefilden wird die Familie glorifiziert und das Alleinsein als persönliches Problem betrachtet. Als wäre es unmöglich, mal einfach einen Moment mit sich selber zu sein.

Wo steht geschrieben, dass man immer im Rudel unterwegs sein muss? Als einsamer Wolf am Tresen zu hängen, wird in unserer Gesellschaft leider eher Männern zugestanden. Dabei ist es auch Frauen ein Bedürfnis, hin und wieder an der Bar ein Glas Rotwein zu trinken – mit sich allein. Und sich dabei vergnügt und in bester Gesellschaft fühlen. Viele schrecken davon zurück. Weil sie nicht verzweifelt wirken wollen. Weil sie befürchten, als Sonderling dazustehen, der keine Freunde hat. Dabei sind Bars gute Orte, um sich zu entspannen und etwas zu erleben. Wer weiss, auf welche Ideen man kommt? Ob interessante Leute reinspazieren? Klar kann es einer Frau passieren, dass sie da angebaggert wird. Wenn einer nervt, kann sie ihn ja in Schranken weisen. Dumm nur, dass man als Alleinreisende in anderen Kulturen oft als Freiwild betrachtet wird. Manche Frau zieht daher einen falschen Ehering an oder erklärt, der Ehemann reise später nach.

Auch manche Mütter gönnen sich gelegentlich eine befreiende Auszeit vom Alltag mit Mann und Kindern. Andere begeben sich aus pragmatischen Gründen allein auf die Reise, weil gerade niemand Zeit hat. Eine Alleinreise ist ein Blind Date mit sich selbst. Im Idealfall kehrt man ein bisschen gereifter zum gewohnten Leben zurück. So erging es mir, als ich auf den Jakobsweg aufbrach, von Lausanne nach Genf. In einem Bed and Breakfast erzählte mir ­ die 76-jährige Hausherrin amüsante Anekdoten über ihre Gäste. Von einem «ledigen jungen Anwalt» etwa. «Wäre ich dreissig Jahre jünger gewesen, ich wäre mit ihm durchgebrannt», sagte Madame, während ihr Mann im Zimmer nebenan Zeitung las. Solche Begegnungen hätten sich kaum ergeben, wäre ich im Doppelpack gereist. Unvergessen ist mir auch ein Abend in einer Pinte in Perroy. Die Dorfbewohner liessen draussen neben dem Brunnen die Gläser klirren. Und plötzlich hielt auch ich ein Glas in der Hand und verbrachte den Abend in bester Gesellschaft.

Seither breche ich immer wieder allein auf in die Berge. Es gefällt mir, in die Stille und Weite der Landschaft einzutauchen. Wer mag, kann abends in der Berghütte neue Bekanntschaften schliessen. Beim Alleinreisen bleibt man ohnehin selten lang allein. Nicht einmal auf der menschenleeren Greina-Ebene, über die ich kürzlich vom Tessin nach Graubünden wanderte. Als ich auf einer Wiese ein Nickerchen machen wollte, war ich plötzlich umzingelt – von Murmeltieren!