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«Bleiben wir einfach normal»

Sie hat bei Selvarajan Yesudian Yoga gelernt – und damit bei jenem Mann, der die indische Lehre in die Schweiz brachte: Wie die 63jährige Susy Heim aus Uttwil dem Boom gegenübersteht und wie Yoga ihren Alltag prägt.
Diana Bula

Susy Heim, ernsthaft Yogatreibende wie Sie verzichten auf Zigaretten, Alkohol und Sex. Richtig?

Susy Heim: Einige grosse Yogis leben enthaltsam, weil sie ihre Kraft ins Geistige statt ins Körperliche investieren. Wer aber auf den St. Galler Marktplatz steht und diese Ansicht als die einzig wahre verkündet, macht sich natürlich lächerlich. Aus Überzeugung auf Sex verzichten? Von mir aus. Hat man aber aus fanatischen Gründen keinen Sex, tut man sich damit nichts Gutes. Was wir nicht ausleben, keimt im Unterbewussten, platzt irgendwann hervor und holt uns ein.

Wie verhält es sich mit Rauchen, Fleischessen und Wein?

Heim: Das muss jeder selber entscheiden. Wir schreiben an unserer Yogaschule diesbezüglich nichts vor. Nur weil jemand ein paar Rüebli mehr isst, wächst ihm kein Heiligenschein. Elisabeth Haich, die mit dem indischen Arzt Selvarajan Yesudian die ersten Yogaschulen in der Schweiz aufbaute, pflegte zu sagen: «Bleiben wir normal.»

Wie oft machen Sie Yoga?

Susy Heim: Mein ganzer Tag ist Yoga, nicht nur die Übungen. Ich habe heute schon Morgenandacht gehalten. Dazu zünde ich eine Kerze an, trinke einen Kaffee und lese in Yogabüchern. Bei diesem Ritual entstehen Gedanken, die mich in den Stunden danach begleiten. Etwa: Erwarte nichts und sei frei. Oder: Verursache nichts, das du nicht willst. Mein ganzer Alltag ist Yoga.

Danach gehen Sie einkaufen. Geschieht im Laden Yoga?

Heim: Ja, wenn ich gelassen statt wütend reagiere, wenn mir jemand mit dem Wägeli in die Ferse fährt, ist das auch Achtsamkeit. So betrachtet, gibt es Yoga überall, im Büro, im Strassenverkehr. Früher habe ich mich über Drängeler geärgert. Heute denke ich: «Diese Menschen sind halt nervös.»

Wer nicht nur Yoga übt, sondern Yoga lebt, lässt sich alles gefallen?

Heim: Nein, man ist deswegen kein Waschlappen und tritt durchaus bestimmt auf. Dann, wenn etwas wirklich wichtig ist.

Sie machen seit 42 Jahren Yoga, waren bei Selvarajan Yesudian Schülerin, als die Szene noch klein war. Widerstrebt Ihnen der Boom, der Yoga zu Mainstream macht?

Heim: Es gibt Formen, mit denen ich nichts zu tun haben will. Aber ich kann auch nicht sagen, das dieses Mode-Yoga falsch ist. Ich sehe die indische Philosophie als Lebenshaltung. Reduziert jemand sie aber auf Körperübungen und genügt ihm das, um sich zu entspannen, so ist mir das recht. Ich behaupte nicht, Yesudian sei der einzige richtige Lehrer gewesen. Das wäre arrogant…

…und nicht Yoga.

Heim: Nein, gar nicht. Diese Lebenshaltung sieht auch vor, nicht zu werten. Die Freiheit eines jeden ist es, die zählt. Und wenn jemand sich von Mode-Yoga angesprochen fühlt, so hat das seine Berechtigung. Wichtig ist es, seine Grenzen zu spüren und sich von Yogalehrern nicht zurechtbiegen zu lassen. Denn Yoga kann gefährlich sein.

Wie gefährlich?

Heim: Wer Angst hat, den Kopfstand zu machen, soll ihn auslassen. Yoga ist kein Wettbewerb. Und wenn eines der Chakras, der Energiezentren entlang der Wirbelsäule, übermässig angeregt wird, kann das einen Menschen aus dem inneren Gleichgewicht bringen.

Zu Yesudian, Ihrem Vorbild und Lehrer: Wie war er?

Heim: Er war eine hochspirituelle Person, die andere in ihrer Entwicklung begleitete. Und wenn Menschen kamen und ihn einen Guru nannten, antwortete er: «Ja, ich bin ein Guru, ein Känguru. Ich hüpfe von St. Gallen nach Zürich und von dort nach Ponte Tresa.» Dort befanden sich seine Schulen. Er lehnte jede Art von Personenkult ab, wie echte Yogis das tun. Ein Meister, dem es darum geht, andere zu faszinieren, ist kein guter Meister.

In Indien verstecken sich Yogis in Höhlen. Wo würden wir sie in der Schweiz wohl finden?

Heim: Vermutlich in einem abgelegenen Bündner Tal. Ein Yogi weiss, wer er ist, woher er kommt, wohin er geht. Er kennt den Sinn des Lebens und zieht sich zurück. Vielleicht, weil er die Welt nicht ertragen würde. Alles, was uns schwächt, sollen wir meiden wie Gift. Auch das ist eine Yogaweisheit.

Heute lassen sich Yogalehrerinnen in mehrmonatigen Kursen ausbilden. Sie haben 25 Jahre bei Yesudian gelehrt. Wie kam es dazu?

Heim: Mein jetziger Mann fragte mich eines Tages, ob ich ihn ins Yoga begleite. Damals wusste ich nicht, was das ist. Etwas zum Aufs-Brot-Streichen? Ich ging mit. Monate später sahen wir in der Zeitung ein Inserat, in dem stand, dass Yesudian in St. Gallen unterrichte. Wir besuchten eine seiner Stunden und waren begeistert. Keine Verbote, nichts Sektiererisches. 1972 war das. 1973 nahmen wir erstmals am Sommerkurs in Ponte Tresa teil. Wir praktizierten Yoga, meditierten und stellten Yesudian und Elisabeth Haich Fragen.

Worüber?

Heim: Über Yoga, über das Leben, über Träume und Gesundheit, über Symbolik, über alles – ausser Steuerfragen.

Unterdessen führen Sie und Ihr Mann Yesudians St. Galler Schule seit 25 Jahren.

Heim: 1990 beschloss Yesudian, sich zurückzuziehen. Bei einem Mittagessen übergab er uns überraschend die Schlüssel zur Schule. Wir führten sie in seinem Sinn weiter. Unsere Stunden beschränken sich, wie bei ihm, nicht auf Übungen. Wir halten auch Vorträge über das Leben.

Dieses Philosophische passt heute, wo Teenager und Hausfrauen, Ex-Hippies und Manager Yoga machen, nicht allen. Hat man Sie schon eine Spinnerin genannt?

Heim: Nein, noch nie. Ich bin nett zu den Leuten. Also sind sie es auch zu mir. Es kam aber schon vor, dass einer meinte: «Auf die Eingangspredigt hätte ich verzichten können.» Er kam trotzdem wieder.

Was ist das Wichtigste, das Sie von Yesudian gelernt haben?

Heim: Dass wir unser Leben selber verursachen, Glück und Unglück. Dass man hinterfragt, was andere einem vorsagen – so lässt sich spiritueller Missbrauch verhindern. Und: Was man sich vorstellt, wird eher wahr. Yoga mache aus einem Menschen einen besseren Menschen, pflegte Yesudian zu sagen.

Sind Sie ein besserer Mensch?

Heim: Es gibt Momente, in denen ich merke, dass ich innerlich gewachsen bin. Aber auch mein Weg ist noch weit.

Die Yogaschule Rolf Heim hat Ende Januar nach 25 Jahren den Unterricht in St. Gallen eingestellt. Susy Heim wird ab April mittwochs wieder Stunden anbieten.

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