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BLATTLAUS: Jungfernzeugung und Dichtestress

Der Frühling naht, was bedeutet, dass die Blattläuse sich wieder explosionsartig vermehren. Doch von den 476 Blattlausarten sind die allermeisten Nützlinge, denen wir zum Beispiel den Waldhonig verdanken.

Bauern und Gartenbesitzer wissen: Blattläuse vermehren sich fast explosionsartig. Besonders fallen natürlich jene auf, die Nutz- und Zierpflanzen befallen und Schäden verursachen können. Aber das sind nur rund fünf Prozent der 476 einheimischen Arten. Hinter dieser rasanten Vermehrung steckt die eigenartige Lebens- und Vermehrungsweise, die sich mit den drei Stichwörtern Jungfernzeugung, kurze Entwicklungszeit und Migration umschreiben lässt.

Nehmen wir als Beispiel die Schwarze Bohnenblattlaus. Sie überwintert als Ei auf dem Pfaffenhütchenstrauch. Sobald die Knospen austreiben, schlüpfen die Blattlauslarven aus den Eiern. Aus allen Larven entwickeln sich Weibchen. Dank dem Verzicht auf Männchen verdoppelt sich die Nachwuchsrate. Auch durchlaufen Blattläuse nicht den bei ­Insekten üblichen Zyklus von Ei, Larve, Puppe zum ausgewachsenen Insekt. Wegen des Fehlens von Ei- und das Puppenstadium kann sich eine junge Blattlaus unter optimalen Bedingungen ­innerhalb einer Woche zum ausgewachsenen Insekt entwickeln und sich dank Jungfernzeugung (Parthenogenese) gleich wieder fortpflanzen.

Dichtestress lässt Flügel wachsen

Da ein Weibchen im Durchschnitt rund fünfzig Junge zur Welt bringt, bilden sich innerhalb von zwei bis drei Generationen dichte Kolonien. Platz- und auch Nahrungsmangel führen zu einer Stresssituation, welche die Bildung von geflügelten Blattläusen bewirkt. Ein ähnliches Phänomen kennen wir auch bei den Wanderheuschrecken.

Unsere geflügelte Bohnenblattlaus verlässt etwa Ende Mai den Pfaffenhütchenstrauch und lässt sich auf einer Bohnenpflanze oder einer anderen Wirtspflanze nieder. Dort beginnt sie sogleich wieder mit dem Aufbau einer neuen Blattlauskolonie. Und der ganze Zyklus von Vermehrung, Dichtestress, Bildung von Geflügelten und Migration beginnt von neuem. Die Fähigkeit, bei Nahrungsmangel geflügelte Individuen hervorzubringen, ermöglicht es den Blattläusen, das Fortpflanzungspotenzial maximal auszunutzen. Wegen ihrer verhältnismässig grossen Flügel sind Blattläuse ausgezeichnete Segelfliegerinnen, die bei günstigen Windverhältnissen ohne weiteres Distanzen von hundert oder mehr Kilometern zurücklegen können.

Erst im Herbst, wenn der Saftstrom der Pflanzen versiegt, verändert sich die Lebensweise der Blattläuse. Die veränderten Umweltbedingungen führen dazu, dass bei einem Teil der Weibchen Gene aktiviert werden, die zur Bildung von Männchen führen. Schliesslich begegnen sich Männchen und Weibchen wieder auf dem Pfaffenhütchenstrauch, wo sie sich paaren. Das Weibchen legt anschliessend etwa drei bis vier relativ grosse Eier vorwiegend an der Knospenbasis ab, wo sie überwintern.

Wegen der explosionsartigen Vermehrung entstehen aus einem einzigen jungen Blattläuschen bei Temperaturen von 22 bis 24 Grad innerhalb von etwa anderthalb Monaten rund zehn Millionen Nachkommen mit einem geschätzten Gewicht von knapp 100 Kilogramm. Dieser theoretische Wert wird aber nie erreicht, denn unzählige Lebewesen fressen Blattläuse.

Auf Blattläuse als Nahrung spezialisiert

Hunderte Arten von parasitischen Wespen, Dutzende Arten von Marienkäfern und Schwebfliegen haben sich auf Blattläuse als alleinige Nahrung spezia­lisiert. Dazu kommen weitere Hunderte von Insektenarten, die Blattläuse als Zusatznahrung schätzen.

Blattläuse sind aber nicht nur als Fleischproduzenten zu Höchstleistungen fähig, sondern auch in der Produktion von Honigtau, wie die Blattlausausscheidungen auch genannt werden. Der Honigtau kommt dadurch zu Stande, dass die Blattläuse der Pflanze Saft entziehen, der reich an Zucker, aber arm an Aminosäuren ist. Letztere werden von den Blattläusen vollständig verwertet, vom Zucker wird nur ein Teil aufgenommen, der Rest wird ausgeschieden. Mehrere Blattlausarten sind in der Lage, in einer Stunde mehr Honigtau auszuscheiden als ihr Körper wiegt.

Und dieser Honigtau ist ein begehrtes Nahrungsmittel, das Hunderten von Insektenarten als Existenzgrundlage oder als Nahrungsergänzung dient. Der Honigtau hat auch eine wirtschaft­liche Bedeutung, ist er doch das Rohmaterial für den Waldhonig.

Siegfried Keller

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