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BIG DATA: «Auch die Sexualität wird gestört»

Im Minutentakt mehren wir den digitalen Datenberg, der genutzt und missbraucht werden kann und unser Leben immer mehr verändert. Die Zivilgesellschaft müsse reagieren, sagt der Ökonom Martin Kolmar, der heute an der Universität St. Gallen vorträgt.
Bruno Knellwolf
Jeder unserer Klicks im Internet flutet die Welt mit Daten. (Bild: Getty)

Jeder unserer Klicks im Internet flutet die Welt mit Daten. (Bild: Getty)

Interview: Bruno Knellwolf

bruno.knellwolf

@tagblatt.ch

Martin Kolmar, warum muss sich die Wirtschaftsethik mit Big Data beschäftigen?

Big Data und Data Analytics, also die Fähigkeit, Algorithmen-basiert zu lernen, verändert unsere Gegenwart und wird unsere Zukunft noch in dramatischer Art prägen. Deshalb geht es um eine ethische Frage, nämlich wie wir leben wollen.

Welche Veränderungen muss man sich vorstellen?

Viele Veränderungen sind schon auf dem Weg. Es gibt drei grosse Bereiche. Zum ersten die Automatisierung. Die bedeutet den Wegfall von Arbeit, weil bestimmte Tätigkeiten in Zukunft von Maschinen erledigt werden. Wenn man heute seinen Kindern einen Ratschlag zu ihrer Berufswahl geben will, muss man dar­über nachdenken, ob dieser Rat in zehn Jahren noch Sinn macht. Dabei geht es nicht nur ums Einkommen. Unser Lebenssinn ist stark mit Arbeit verknüpft. Es geht auch um Anerkennung.

Und was sollen wir unseren Kindern empfehlen?

Es gibt drei Typen von Berufen, die wahrscheinlich gut überleben werden. Zum einen die Pflegeberufe. Auch der spezialisierte Handwerker wird bleiben. Zudem auch der hochqualifizierte Bereich. Jene Leute, die Technologien selber entwickeln und interpretieren. In Gefahr sind normale Dienstleistungsberufe, einfache kaufmännische Berufe und wenig qualifizierte Berufe, die gut standardisierbar sind. Das heisst, nach wie vor ist Bildung entscheidend. Dazu gehört Persönlichkeiten auszubilden, welche Flexibilität nicht als Bedrohung sehen, sondern als Chance.

Was wird sich sonst noch stark verändern?

Es gibt immer mehr Preisdifferenzierung. Jeder Klick im Internet hinterlässt eine digitale Spur. Im Hintergrund entsteht ein Avatar, ein digitales Abbild von uns. Deshalb wissen Unternehmen wie Google, Facebook und Whats-app zum Teil mehr über uns als wir selbst – und sie vergessen nicht. In diesen Informationen verbergen sich viele Hinweise darauf, was unsere tiefsten Sehnsüchte sind, und wo unsere Preisbereitschaft ist. Das nützen Unternehmen, um differenziert individuelle Preise zu machen. Das hört nicht bei den Preisen auf. Die Fake-News-Debatte zeigt, dass wir in hohem Masse manipulierbar sind. Facebook hat viele Psychologen eingestellt, um unsere Schwächen auszunutzen.

Wir bieten unsere Daten auch wohlfeil an.

Wir stellen uns sogar die perfekte Kontrolltechnologie in die Häuser. Mit Smartspeakers wie Alexa, mit Gesichts- und Spracherkennungsprogrammen. Daten daraus können bei Bewerbungsgesprächen genutzt werden. Oder zur Kontrolle. Ob das ein Unternehmen oder ein monopolistischer Staat macht, ist zweitrangig. In China kennt man ein System, mit dem man aufgrund der Daten Punkte erhält, mit denen man leichter oder schwerer Zugang zu Berufen, Wohnungen oder Ferien bekommt. Letztlich geht es immer um die Frage, wem gehören unsere Daten im Netz.

Ist diese Frage nicht schon entschieden?

Sie entscheidet sich im Moment. In einer Demokratie gibt es ja die Vorstellung, dass die Wirtschaft eingebettet ist in demokratische Prozesse. Das heisst, wir können mit einer Unterschrift etwas ändern. Wir können Facebook und Google verpflichten, ihre Algorithmen offenzulegen. Ich bin aber pessimistisch, weil es dazu ein international koordiniertes Vorgehen bräuchte. Aber es reicht ein Staat, der nicht mitzieht, und dann stehen die Server halt dort.

Sind wir zu arglos?

Der Einzelne versteht oft nicht, was auf dem Spiel steht. Der Klick ist einfach, aber der Nutzer weiss nicht, dass er vielleicht nicht an ein Bewerbungsgespräch eingeladen wird, weil ein Stimmerkennungsprogramm möglicherweise Willensschwäche festgestellt hat.

Was können wir dagegen tun?

Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir ernsthaft wieder Kontrolle erlangen. Dazu müsste man Facebook nicht mehr als Technologie, sondern als Medienunternehmen wahrnehmen. Dann unterläge ein solches Unternehmen den herkömmlichen Formen staatlicher Regulierung. Medien müssen Regeln einhalten und sind zur Wahrhaftigkeit verpflichtet. Das gilt für Facebook nicht. Wie man früher Menschen- und Bürgerrechte geschaffen hat, müsste man nun Rechte für den digitalen Bürger schaffen.

Reicht das?

Die digitalen Technologien funktionieren wie Drogen und schaffen Abhängigkeiten in unserem Gehirn. Das macht mir Sorgen für unsere Kinder. Die heranwachsende Generation von Smartphone-Junkies wird sozialisiert mit einer Idee von Sexualität, die eine Fiktion aus Internet-Pornos ist. Die ersten Studien dazu sind beunruhigend. Junge Männer leiden an erektiler Dysfunktion, weil sie wegen der Pornos keinen normalen Sex mehr mit Frauen haben.

Was ist zu tun?

Aufklärung. Nicht nur Kindern, sondern auch Eltern und Lehrern aufzeigen, dass Facebook und Co. wie Alkohol funktionieren. Zudem brauchen wir auch Regulierung, das sage ich als liberaler Mensch. Unsere Generation ist verwöhnt. Wir mussten uns nie ernsthaft engagieren. Jetzt ist ein Zeitpunkt gekommen, an dem wegen der Digitalisierung Engagement gefragt ist.

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