«Bevölkerung ist zu wenig aufgeklärt»

Das chinesische Unternehmen Boyalife Group baut in Tianjin die weltweit grösste Anlage zum Klonen von Nutzvieh. Ab 2016 soll dort Klonfleisch industriell hergestellt werden. Trotz misstrauischer Verbraucher ist Firmenchef Xu Xiaochun überzeugt von der Idee.

Finn Mayer-Kuckuk
Drucken
Teilen
Xu Xiaochun Firmenchef des chinesischen Unternehmens Boyalife (Bild: pd)

Xu Xiaochun Firmenchef des chinesischen Unternehmens Boyalife (Bild: pd)

Herr Xiaochun, Ihre Anlage soll vor allem Tiere hervorbringen, die für den Verzehr bestimmt sind. Gibt es deshalb Bedenken in China?

Xu Xiaochun: Viele Menschen fragen mich, ob Klonfleisch sicher ist. Seit den ersten Erfolgen mit dieser Technik haben mehrere Länder das Verfahren getestet, darunter die USA, Japan und Südkorea. Die USA haben in einer 15 Jahre dauernden Testreihe die Sicherheit von geklonten Schweinen, Rindern und Schafen untersucht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass sich das Fleisch nicht von jenem normal gezeugter Tiere unterscheidet. Es gibt dementsprechend dort keine Kennzeichnungspflicht.

Das sind die Verhältnisse in Amerika. Ist der Bereich in China schon gesetzlich geregelt?

Xu: Die Agrarindustrie ist in China bisher nicht so fortschrittlich wie in den USA. Bisher gibt es keine Regularien zu Klonprodukten. Das Fleisch muss natürlich die gleichen Sicherheitsanforderungen erfüllen wie jedes andere Fleisch. Japan ist hier ein positives Vorbild: Die Regierung klärt die Bürger bereits aktiv darüber auf, dass Klonfleisch absolut sicher ist und sie sich keine Sorgen machen müssen.

Das EU-Parlament ist da skeptisch. Es hat ein Klonverbot für Nutztiere beschlossen. Auch der Verkauf von Klonfleisch ist untersagt.

Xu: Wir verstehen die Gründe für diese Entscheidung nicht. Wissenschaftlich entbehrt sie jeder Grundlage. Möglicherweise ist dieser Schritt politisch motiviert und hat mit Handelsstreit zwischen den USA und Europa zu tun. Brüssel erweist den europäischen Verbrauchern jedenfalls einen Bärendienst, schliesslich bietet Klonfleisch für den gleichen Preis viel bessere Qualität.

Können Sie da ganz sicher sein?

Xu: Lassen Sie uns doch das Gesamtbild betrachten. Alan Turing hat den Computer erfunden, doch er wurde sein Leben lang verfolgt. Die Leute haben das Zukunftspotenzial seiner Erfindung nicht gesehen. Giordano Bruno erkannte die Natur des Universums und starb auf dem Scheiterhaufen. Es gibt viele Beispiele. Kurz gesagt, viele Techniken werden von der Gesellschaft nicht sofort akzeptiert. Seit den 80er-Jahren werden Pflanzen geklont, und stört das heute noch jemanden? Das Misstrauen und die Kritik an unserem Vorhaben entspringen dem mangelnden Verständnis der Leute für das, was wir machen.

Wenn die Verbraucher jedoch misstrauisch sind – aus welchen Gründen auch immer – produzieren Sie dann nicht an deren Bedürfnissen vorbei?

Xu: Chinas Landwirtschaft befindet sich an einem Punkt, an dem sie besseres Vieh braucht. Die Qualität des Rindfleischs ist bislang sehr schlecht. Bis vor kurzem dienten Rinder vor allem als Arbeitstiere, sie sollten mager und stark sein. Unser Unternehmen ist nun aber in der Lage, eine grosse Anzahl Kälber auf die Weide zu stellen, die sehr gutes Fleisch haben. Klonen hilft hier der Entwicklung und der Ernährung einer Bevölkerung. Die Nachfrage steigt jährlich im zweistelligen Bereich. Wir können uns technischen Lösungen für diese Probleme nicht verschliessen. Wissen Sie, meine Kollegen und ich haben alle längst Klonfleisch gegessen. Wir glauben, dass auch die breite Bevölkerung es akzeptieren wird. Es handelt sich lediglich um ein Problem der Aufklärung der Massen.

Sie halten das Klonen von Rindern und Schweinen also für sicher und komplett beherrscht. Wann steuern Sie auf das Klonen von Menschen zu?

Xu: Unser Unternehmen Boyalife beschäftigt sich nicht mit dem Klonen von Menschen. Die Grenzen müssen hier ganz deutlich gezogen sein. Jede Technik hat ihre Grenzen – und Klone von Menschen liegen ganz klar jenseits dieser Grenze.

Aktuelle Nachrichten