Betrug, Mord und Täuschung

Die Liste der Anklagen ist lang: Mord, Betrug, Gier, Kannibalismus, Freiheitsberaubung, Raufhandel, Bandentum und Diebstahl. Tiere lassen sich dafür einiges einfallen, sie handeln aber nie aus niederen Beweggründen.

Bruno Knellwolf
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Der Löwe und seine Beute: Sein Motiv ist einfach und heisst Hunger, nicht Neid oder Eifersucht. (Bild: fotolia)

Der Löwe und seine Beute: Sein Motiv ist einfach und heisst Hunger, nicht Neid oder Eifersucht. (Bild: fotolia)

Jean-Jacques Rousseau hat sich die Natur als Zustand der Unschuld und des Glücks vorgestellt, den nur der menschliche Eingriff stören kann. Dem Philosophen hätte schon im 18. Jahrhundert auffallen müssen, dass die Natur auch andere Gesetze kennt, welche die Biologin Bärbel Oftring in ihrem Buch «Tatort Natur!» beschreibt.

Sechzig Anklagen

Sechzig haarsträubende Fälle zeigt sie auf. Die Anklagen lauten Mord, Betrug, Gier, Kannibalismus, Freiheitsberaubung, Raufhandel, Bandentum und Diebstahl. Die Liste der Täterschaft geht vom Ameisenbläuling bis zur Zecke. Selbst die Singdrossel taucht in der Liste auf, welche Schnecken mag, diese aber wegen deren Haus erst auf einen Stein schlagen muss, um ans Innere zu gelangen. Dafür richtet sich der Vogel eine Drosselschmiede ein, wo er die Schnecken hin und zur Strecke bringt.

Allerdings hält die Biologin fest: Überleben ist das Motiv, aus dem Tiere zu Tätern werden. «Niemals handeln Tiere aus niederen Beweggründen wie Neid oder Eifersucht, wie es leider bei Menschen der Fall ist», schreibt die Biologin. Eine Ausnahme ist die Hauskatze, die aus Gier alles totschlägt. was sich bewegt. Ansonsten braucht es in der Tierwelt aber keine Kriminalpolizei. Im Gegenteil. Die Natur ist auf Räuber-Beute-Beziehungen, Parasiten, Pflanzenfresser und somit auf Täter ausgerichtet. Und auch darauf, sich zu verteidigen – die Pflanzen mit Dornen und Gift, Tiere entwickeln schlaue Verteidigungsstrategien.

Räuber ist abhängig vom Opfer

Oftring betont, dass die Räuber von den Opfern abhängig sind. Sie erwähnt die Schleiereule, die in Jahren, in denen es viele Mäuse gibt, Eier legt, brütet und Junge aufzieht. Gibt es wenig Beute, verzichtet sie aufs Brüten. Die Zahl von Jägern und Gejagten pendelt sich somit ein. Die Forschung zeigt, dass ohne Räuber auch die Beutetiere und die Lebensräume zugrunde gehen. Hat es in einem Revier keine Löwen mehr, gedeihen Gnus und Zebras zwar erst prächtig, mit der Zeit fressen sie sich allerdings das Pflanzenfutter weg, bis es keine Nahrung mehr gibt. Der Löwe ist also nicht nur Täter, sondern auch Helfer.

Bärbel Oftring: Tatort Natur, Haupt-Verlag 2015, 128 S., Fr. 31.90