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BERLINALE: Selten auf so schlechtem Niveau

Mit dem rumänischen Beitrag «Touch Me Not» gewinnt ein Sexualtherapiefilm in Berlin den Goldenen Bären. Markus Imhofs erstklassige Flüchtlings-Doku «Eldorado» hingegen lief nur ausser Konkurrenz.
Daniel Kothenschulte
Crew und Cast des Films «Touch Me Not» kommen in Berlin zur Preisverleihung. (Bild: Philipp Guelland (Berlin, 24. Februar 2018))

Crew und Cast des Films «Touch Me Not» kommen in Berlin zur Preisverleihung. (Bild: Philipp Guelland (Berlin, 24. Februar 2018))

Daniel Kothenschulte

Nein, es ist nicht so, dass zum ersten Mal in der Geschichte der Berlinale ein Experimentalfilm den Goldenen Bären gewonnen hätte. Der semidokumentarische Betrag der Rumänin Adina Pintilie über Menschen, die ihre Probleme mit Intimität und Sex therapeutisch angehen, führt die Filmsprache keinen Zentimeter weiter. In seiner Didaktik und Ästhetik ist «Touch Me Not» konventionell und den Werken des deutschen Sexualaufklärers Oswald Kolle näher als beispielsweise der Body-Art der Performance­künstlerin Marina Abramovic – ohne deren Pionierarbeit er gleichwohl undenkbar wäre.

Mehr Design als Kunst, sieht der Film aus wie die Werbeillustrierte einer Krankenkasse. Umso mehr stechen die gesetzten Tabubrüche heraus: Etwa die kurze, echte Sexszene eines Körperbehinderten. Oder eine vorsichtig erotisierende Sado-Maso-Performance. Der psychotherapeutische Ansatz erschöpft sich meist im Abhaken von Problemen im Elternhaus.

Erweiterung auf andere Filmformen erwünscht

Die Programmierung von «Touch Me Not» hatte der Direktor der Berliner Filmfestspiele, Dieter Kosslick, medienwirksam in den Kontext der Me-Too-Debatte gerückt, auch wenn sexuelle Belästigung oder Ausnutzung von Macht darin kaum Themen sind. Immerhin ist der Film ein Statement gegen den Einzug neuer Tabus in der Darstellung von Sexualität. Künstlerisch ist er in seiner Glätte aber eben kein «Kino wider die Tabus». Was man von der Berlinale-Jury immerhin lernen kann, ist, dass eine Erweiterung des Wettbewerbs auf andere Filmformen grundsätzlich erwünscht ist. Das Festival in Locarno fährt damit seit Jahren gut.

Selten hatte ein Berlinale-Wettbewerb auf internationaler Ebene ein so schlechtes Niveau – und selten sah das deutsche Kino dabei besser aus. Jurypräsident Tom Tykwer dürfte sich bei seinen Kollegen nicht beliebt gemacht haben an diesem Abend, als er Christian Petzolds meisterhaftes Flüchtlingsdrama «Transit» ebenso überging wie das sträflich unterschätzte Romy-Schneider-Biopic «3 Tage in Quiberon» mit der einzigartigen Leistung von Marie Bäumer. Immerhin wurden die besten der internationalen Spielfilme gewürdigt. Wes Andersons Regiepreis für «Isle of Dogs» ist absolut berechtigt. Selten hat ein Regisseur, der selbst nicht von der Animation kommt, so wunderbar mit dem Medium gearbeitet wie bei diesem satirischen Puppentrick. Den Grossen Preis der Jury erhielt die Polin Malgorzata ­Szumowska für «Twarz» («Gesicht»), eine bildkräftige Satire auf den Konservatismus in Polen.

Die Tragikomödie um die Angst vor dem Subversiven kreist um das Schicksal eines Jugendlichen, der bei den Bauarbeiten der Christus-König-Statue in Swiebodzin einen schweren Unfall erleidet. Nach einer Operation ist er nicht wiederzuerkennen.

Beschämende Ausbeutung von Flüchtlingen

Keinen Preis gewinnen konnte der Schweizer Veteran eines humanistischen Kinos, Markus Imhof, für einen der schönsten Filme des Programms: Sein dokumentarischer Essay über Flucht und Migration, «Eldorado», wurde nur ausser Konkurrenz gezeigt. Imhof prangert darin nicht nur die Ausbeutung illegaler Einwanderer an, die in Italien für Hungerlöhne in der Landwirtschaft schuften, und dokumentiert die beschämenden Zustände in vielen Aufnahmelagern. Zutiefst bewegend ist auch die autobiografische Perspektive einer frühen Kindheitserinnerung aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs: In einem imaginären Dialog unterhält er sich mit dem italienischen Flüchtlingsmädchen Giovanna, das seine Eltern aufnahmen und das ihm zu einer Schwester wurde.

Dann verlangte ein Gesetz ihre Rückführung. Mit nur 14 Jahren starb das Kind in Mailand an den Folgen seiner Unterernährung. Warum Dieter Kosslick diesen Film nicht in der Konkurrenz zeigen wollte, bleibt ein Rätsel.

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