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BERGSTEIGERLEGENDE: Zwischen Himmel und Erde

Der Kletterer Ueli Steck liebte es, Routen zu begehen, die sich zuvor niemand vorgenommen hatte. Am Mount Everest brach er zu seiner nächsten Expedition auf. Es sollte seine letzte sein.
Lukas Tonetto
Ueli Steck am 13. Februar 2008, als er die Eigernordwand in der Rekordzeit von 2 Stunden 47 Minuten durchstieg. (Bild: Robert Bösch/Keystone)

Ueli Steck am 13. Februar 2008, als er die Eigernordwand in der Rekordzeit von 2 Stunden 47 Minuten durchstieg. (Bild: Robert Bösch/Keystone)

Lukas Tonetto

Mythische Namen wachsen in den Himmel. Annapurna. Makalu. Gasherbrum II. Gipfel der höchsten Gebirge dieser Welt, des Karakorums und des Himalajas. Beginnt dort, jenseits der Grenze unserer Zivilisation, die letzte Welt? Und welche Farben trägt der Himmel dort? Leuchten die Sterne auch tagsüber am nachtblauen Firmament? In dieser Welt hing am 21. Mai 2007 an der Südwand der Annapurna ein Mensch. Er krallt sich in den Felsen, Steigeisen kratzen im Eis. Hier ein Halt. Dort ein Tritt. Dann wird es schwarz. Als er das Bewusstsein wiedererlangt, liegt er Kopf voran im Schnee, sein versehrter Körper ein Bündel aus Schmerz. Der schweren Hirnerschütterung zum Trotz schafft er den gefahrvollen Abstieg ins Basislager.

Er suchte keine Ausreden. Ueli Steck war einer der weltbesten Bergsteiger und kannte das Risiko, das in jeder Begehung liegt, selbst auf einer sogenannten Normalroute in den Alpen. Aber so viel Glück wie an der Annapurna, sagte Steck, habe man nur einmal im Leben. Doch auch, ergänzte er, so viel Pech. Am 8091 Meter hohen Himalaja-Riesen wurde er vom einzigen Stein weit und breit am Kopf getroffen und stürzte danach dreihundert Meter in die Tiefe.

Keine Angst, aber Respekt vor dem Berg

Eine Frage stellt heutzutage ausgerechnet eine Gesellschaft, die in einer zunehmend banaleren Welt selber immer stärker den Reiz der Grenzüberschreitung auskostet: Warum? Warum steigt ein Mensch in Berge, deren schroffe Flanken oft von blankem Eis überzogen sind wie in der gefürchteten Eigernordwand? Was treibt einen Menschen an, den schmalen Grat zwischen Leben und Tod stets aufs Neue zu begehen? Einer der Pioniere des modernen Alpinismus, Reinhold Messner, hakte dieses Thema lakonisch ab: Die Berge sind da. Der Mensch hat die Möglichkeit. Folglich besteigt er die Berge.

Ueli Steck war nicht nur Bergsteiger; er war auch ein Kletterer. Beim Sportklettern erklimmt der Athlet in speziellen Kletterschuhen mit Haftsohlen einige Seillängen in ausgesuchten Wänden. Der Bergsteiger klettert während einer meist vieltägigen Expedition mit komplett anderer Ausrüstung auf Berge. Risikofrei ist weder das eine noch das andere. Ueli Steck stellte nie das Risiko als vielmehr die Faszination in den Vordergrund. Das Risiko minimierte er durch akribische Vorbereitung und intensives Training. Angst, sagte er, kenne er nicht, aber der Gefahren sei er sich sehr wohl bewusst. Einzig den Respekt vor dem Berg, den verlor er nie. Wer den Respekt vor den Bergen verliert, sagte er, lebt nicht mehr lange.

Diese Faszination für den Berg ist unteilbar. Keiner, der je in einer Wand hing, wird dies verstehen, obgleich es auch beim Klettern Unterschiede gab. Das Dach der Welt hält andere Erfahrungen für den bereit, der sich in die äussersten Höhen wagt als eine senkrechte Kalkwand im Jura. Denn ab einer Höhe von 6000 Metern verändert sich das Leben radikal. Die Luft wird dünner. Die Welt grösser. Feindlicher. Über 8000 Meter befindet sich der Mensch endgültig an einem Ort, an dem er von der Nabelschnur der Zivilisation vollständig getrennt ist. Isolierter etwa als an den Polkappen, an denen man per Satellitentelefon Hilfe anfordern kann. Doch in den höchsten Gebirgen dieser Welt, auf einem ausgesetzten Grat wie dem Westpfeiler des Makalu ist Rettung durch Bergsteiger praktisch unmöglich. Darauf angesprochen, glänzte Faszination in Ueli Stecks Augen, und er bezeichnete die Veränderung des Bewusstseins bei einer Solobegehung wie des Makalu auf über 8000 Meter als etwas vom Eindrücklichsten. Setze in diesem Moment auch noch der Wind kurz aus, herrsche zwischen Himmel und Erde augenblicklich Totenstille.

Er musste niemandem mehr etwas beweisen

Gäbe es auf der Welt einen Neuntausender, Pioniere hätten ihn längst in Angriff genommen. Es liegt im Wesen des Menschen, seine Grenzen und die Grenzen dieser Welt zu erfahren. Ueli Steck war ehrgeizig. Wie auch wollte ein Mensch ohne Ehrgeiz, Willen und Mut «free solo» (allein und ohne jede Sicherung) durch die viele hundert Meter hohe, senkrechte Wand der Wendenstöcke im Berner Oberland klettern? Allein die Nordwände der Alpen durchrennen?

Wo liegen die Grenzen? Ueli Steck negierte nicht, dass die Gefahr reell sei, sich in einen Rausch zu steigern. Nur müsse jeder seine Grenzen selber erkennen. Als junger Bergsteiger mit einem kleinen Gipfel-Palmarès sei Umkehren am Berg noch schwieriger gewesen, damals, als er noch wenig bekannt, im Jahr 2005 an der 1700 Meter hohen Nordostwand der Ama Dablam umkehrte. Zum Charakter eines Bergsteigers gehörten aber nicht nur Mut, sondern auch die Kraft, Abstand zu nehmen und zu fragen: Wo stehe ich? Sobald einer ausser Stande sei, Touren realistisch einzuschätzen, werde es gefährlich. Doch in seinem Fall, sagte er dezidiert, lägen die Gefahren auch in den Erwartungen der Öffentlichkeit, denen er aber mit Gelassenheit begegnete; nach den grossen Erfolgen der Speed-Begehungen am Matterhorn und am Eiger musste er niemandem mehr etwas beweisen.

Die Felswände dieser Welt bargen für einen Meister seines Fachs auch so weiterhin Herausforderungen. Die Gipfeljagd an sich gehört zwar längst zur Geschichte des Bergsteigens. Einen Mann wie Ueli Steck, dem es am Berg um Stil und Ethik ging, interessiert dies alles kaum. Ihn reizte, gewiss nicht ganz frei von Eitelkeit, die persönliche Herausforderung über Routen durch Wände zu klettern, an denen vor ihm kein einziger Mensch je war; dies, offenbarte er, hätte etwas Mystisches an sich.

Bei allen Erfolgen und der Gewissheit der eigenen Stärke dürfe man bloss eines nie vergessen: dass es da draussen, am Berg, Dinge gäbe, die stärker sind als auch der stärkste Bergsteiger: «Und das musst Du akzeptieren. Du bist nur ein kleiner Teil vom Ganzen. Und wenn Du fällst, ändert sich nichts. Ausser vielleicht für dich.» So viel Glück, wie damals an der Annapurna, habe man nur einmal im Leben, sagte Ueli Steck.

Er sollte Recht behalten. Gestern Morgen stürzte er am Mount Everest in den Tod.

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