BERGSICHT: Nur ums Gehen geht es nicht

Es ist anstrengend, mitunter gefährlich, und die Bergbeizen sind überfüllt: Trotzdem können fast drei Millionen Schweizer das Wandern nicht lassen. Sieben Geschichten übers Loslaufen, den Notproviant und Taschenlampen.

Drucken
Teilen

Wandern ist deutsch(schweizerisch). Zumindest das Wort Wanderlust ist es. Selbst die Briten, die als adelige Herren in roten Socken die Lust am Wandern in die Welt hinaustrugen, haben kein eigenes Wort für diesen steten inneren Antrieb, sich zu Fuss die Welt zu erschliessen. Im Englischen wird Wanderlust auch als Synonym für Fernweh benutzt. Für Schweizerinnen und Schweizer ist das natürlich Humbug. Die Lust und Freude, einen Hügel hinauf zu keuchen, dort etwas die Aussicht zu geniessen, um dann möglichst knieschonend wieder runter zu kommen, die stillen wir am liebsten zu Hause. Rekordverdächtige 65 000 Kilometer signalisierte Wanderwege stehen dafür zur Verfügung. Und wie wir diese nutzen! Laut einer Erhebung aus dem Jahr 2014 verbringen alle Schweizer zusammen 162 Millionen Stunden in Wanderschuhen auf schmalen Pfaden. 2,7 Millionen Schweizer tun dies regelmässig. Sie unternehmen rund 20 Wanderungen im Jahr, die im Mittel drei Stunden dauern. Damit ist Wandern unsere liebste Freizeitbeschäftigung. Beim Anblick des sich mit Muskelkraft erarbeiteten Panoramas fühlt man sich kurz wie der König der Welt.

Wandern tut Körper und Geist gut

Auch die Wissenschaft hat belegt, dass Wandern eine gute Sache ist. Es soll vor Alzheimer schützen, das Diabetes-Risiko senken, das Immunsystem stärken. Aber viel wichtiger: Wandern lässt die Glückshormone tanzen. Da ist so viel Grün zu sehen und Grün beruhigt den Menschen. Da gibt es gewundene Pfade zu begehen und hinter jedem Felsblock neue Aussichten zu bestaunen, das tut dem Menschen wohl. Auch der Geist kommt beim Wandern nicht zu kurz. Er schweift aus und ab. Zieht ungewohnte Kreise, während der Puls hochgejagt wird und die Gespräche verstummen. Bei flacherem Höhenprofil hingegen erklimmen die Dialoge zuweil ungewohnte Höhen. Schon die antiken Griechen philosophierten ja am besten im Gehen. Wobei; nur ums Gehen geht es nicht. Die Pausen sind das Beste am Wandern. Nie schmeckt ein selbstgeschmiertes Wurstbrot besser als auf einer Bergwiese. Nie hatte man das Gefühl, die Chnöpfli mit Chäs mehr verdient zu haben. Und auf diesen Aussichtsbänkli könnte man ewig sitzen und schauen und ganz andächtig werden ab all der Herrlichkeit. Wandern macht nicht nur glücklich, es macht auch demütig.

Katja Fischer De Santi