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BERGHÜTTEN: Vom Banker zum Ziegenhirten auf der Alp

Die St.Gallerin Ingrid Schindler hat in einem Buch Menschen porträtiert, die Ruhe und Zufriedenheit in einer Hütte in den Bergen finden. Selber träumt sie seither nicht mehr von einem solchen Haus.
Diana Hagmann-Bula
Nicht Schottland, sondern in der Schweiz: Mitten im Nirgendwo des Prättigaus sucht die Mundartdichterin Marietta Kobald jeweils Inspiration. (Bilder: Winfried Heinze/Knesebeck-Verlag)

Nicht Schottland, sondern in der Schweiz: Mitten im Nirgendwo des Prättigaus sucht die Mundartdichterin Marietta Kobald jeweils Inspiration. (Bilder: Winfried Heinze/Knesebeck-Verlag)

Diana Hagmann-Bula

diana.hagmann-bula@tagblatt.ch

«Nicht noch ein Hütten-Buch», hat sich Ingrid Schindler zuerst gedacht. Und dann doch zugesagt, als Winfried Heinze, ein Fotograf, der am Bodensee und in London lebt, die St. Gallerin für das Projekt anfragte. Sie kannten sich aus der Zeit, als Schindler Redaktionsleiterin des Magazins «Landliebe» war. Sie wusste, was sie erwartet: eine angenehme Zusammenarbeit. Und wunderschöne Bilder. Nun brauchte es noch jemanden, der die Texte dazu verfasste.

Wer «Eine Hütte zum Glück» aufschlägt, wünscht sich sofort in eines der beschriebenen privaten Refugien in den abgelegensten Bergtälern der Schweiz, Österreichs und Deutschlands. Was als Architektur-Band angedacht gewesen war, ist mehr als das geworden. Schindler und Heinze geben Reisetipps für die jeweilige Region, wo man übernachten, einkaufen und gut essen kann, und welche Wanderung den Aufstieg lohnt. An diesen Zusatz hatte die 56-Jährige ihre Zusage gekoppelt. Und eine weitere Idee eingebracht: «Ich wollte nicht nur verschiedene Häuser, sondern auch unterschiedliche Lebensmodelle in den Bergen vorstellen.»

Banker hütet nun Ziegen

Nun lernt der Leser einen Banker kennen, der schon während der Ausbildung mit 100 bis 150 Millionen Dollar am Tag an der Börse spekulierte, erst als Direktor eines Fünf-Sterne-Campings in Locarno jedoch erfüllt war. Heute lebt er als Ziegenhirt auf der Alp Nimi im Tessin und sagt: «Der wahre Luxus ist die Abwesenheit von Luxus. Die Reduktion auf das Wesentliche macht frei.» Luxus, das verdeutlicht dieses Buch, ist für jeden Menschen etwas anderes. Die einen Hüttenbesitzer kommen ohne Heizung und fliessendes Wasser aus, die Einrichtung wirkt karg. Andere geniessen den Weitblick auf einer Drei-auf-drei-Meter-Design-Liege. Der Entwickler von Wellness-Grossanlagen, der vor dem Alltagsstress auf die Katschbergerhöhe im Salzburgerland flüchtet, sagt: «Im Winter in 38 bis 40 Grad warmem Wasser in einer Vollmondnacht im Hotpot liegen, über dir die Milchstrasse und verschneite Berggipfel, unten das Wolkenmeer, das hat etwas.»

Ein Stall für ein Haus

Schindler hat sich mit erfolgreichen Unternehmern ebenso unterhalten wie mit Aussteigern, mit einem ins Tal zurückgekehrten Biologen, mit einer Mundartdichterin, mit einem Skilehrer und Bergbauern. Und mit dem Architekten Peter Zumthor. Er sucht die Ruhe nach wie vor in Vals, in dem Bündner Dorf, das er mit seiner preisgekrönten Therme bekanntgemacht hat. Und dessen Einwohner sich seinetwegen zerstritten haben: Soll Zumthor das dazugehörende Hotel ausbauen oder nicht? Das Volk entschied sich 2012 dagegen und für einen anderen Investor. «Die letzten Jahre waren ein Härtetest. Sie haben uns aber auch etwas gegeben. Wir haben viele Freunde hier.» Zum Haus in einem kleinen Weiler kam sogar er nur durch eine Art Tauschgeschäft. Er baute einem Bauern den Stall um, im Gegenzug erhielt Zumthor eine Parzelle. Die Natur spendet dem Kreativen «Ruhe, Kraft und Konzentration».

Die Mundartdichterin Marietta Kobald mit einer Hütte in den Fideriser Heubergen betont: «Hier oben hat man andere Ideen als unten.» Schon der deutsche Maler Ernst Ludwig Kirchner schrieb 1917, nachdem er sich auf der Stafelalp in Graubünden von seinen Alkohol- und Medikamentenexzessen erholt hatte: «Hier lernt man tiefer sehen und weiter eindringen.» Heute gehört die Kirchnerhütte Beat Däscher; er übernachtet nur noch ab zu dort, um zum Rechten zu sehen und mit Freunden zu feiern.

Aufgefrischt, worauf es im Leben ankommt

Andere verbringen in ihrer Hütte am liebsten Familienzeit. Ein Hotelierpaar will niemanden sehen, ein Laienschauspieler übt Texte. Eins mit der Natur sind sie an ihren Kraftorten alle. Schindler hat Freunde porträtiert, Bekannte von Bekannten, Menschen, die ihr auf Ausflügen in die Höhe zufällig begegnet sind, Personen, die sie durch Architekten und bei früheren Reportagen kennen gelernt hat. «In dieser Ruhe kommt man zu sich selbst, aber auch zum anderen.» Sie habe oben in den Hütten Gespräche mit deutlich mehr Substanz geführt, als das in der Hektik unten im Tal möglich gewesen wäre. Die zwei Jahre Arbeit am Buch bezeichnet die gebürtige Münchnerin als «kompakte Lebensschule». Sie habe aufgefrischt, worauf es ankomme im Leben, auf den Bezug zur Natur, zufrieden sein mit wenig, vor allem aber: mit dem, was man hat.

Schindler, gelernte Deutsch- und Französischlehrerin, hat einst eine Stelle im Feuilleton angestrebt, wollte über Literatur und Kultur schreiben. Geworden ist sie Journalistin für die simpleren Bereiche, wie sie selber sagt: Die neue Lust auf Land, Berge und Garten, Kulinarik und Reisen sind ihre Hauptthemen. Verfasst sie nicht gerade ein Buch, reist sie als freie Mitarbeiterin für Magazine und Zeitungen durch die Welt. Berichtet von Isländern, die Schafsköpfe essen, und Südsee-Inseln, auf denen Vanille wächst, fischt im Winter auf den Lofoten oder beschreibt die Gemütlichkeit bayrischer Biergärten.

Träumt sie von einer Hütte fernab der Zivilisation? Schindler schüttelt den Kopf: «Ich würde als Zugezogene keine Fremde bleiben wollen, würde eine Beziehung zu den Menschen und der Region aufbauen wollen. Da genügt es nicht, drei-, viermal pro Jahr in der Hütte vorbeizuschauen.» Ein Anspruch, der verpflichtet und einengt. Gerade eine Weltenbummlerin wie Schindler, die sich nicht zwanzig Mal pro Jahr am gleichen Ort erholen will.

I. Schindler/W. Heinze: Eine Hütte zum Glück, Knesebeck 2017, 224 S., Fr. 49.90

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