Bei Teufelsbuhlschaft keine Gnade

Der frühere Zürcher Staatsarchivar Otto Sigg dokumentiert in seinem Buch «Hexenprozesse mit Todesurteil» 79 Prozesse, die zwischen 1487 und 1701 auf Zürcher Territorium stattfanden. Das Buch gibt Einblick in eine Vergangenheit voller religiösen und blutigen Wahns.

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Das Geständnis der Teufelsbuhlschaft bedeutete das Todesurteil: Folterung von Frau und Tochter des Fuhrmanns Hans Ueli als vermeintliche Hexen, Mellingen 1577. (Bild: Zentralbibliothek Zürich)

Das Geständnis der Teufelsbuhlschaft bedeutete das Todesurteil: Folterung von Frau und Tochter des Fuhrmanns Hans Ueli als vermeintliche Hexen, Mellingen 1577. (Bild: Zentralbibliothek Zürich)

Herr Sigg, Sie haben die Hexenprozesse mit Todesurteil, die der Kleine Rat der Stadt Zürich bis ins Jahr 1701 fällte, zusammengetragen und dokumentiert. Sie kommen auf 79 Fälle. Was war überhaupt Auslöser für Ihre Arbeit?

Otto Sigg: In den Achtzigerjahren habe ich die Geschichte meiner Heimatgemeinde Ossingen im Zürcher Weinland verfasst – und den einzigen Hexenfall dort übersehen. Das empfand ich als grossen Mangel. Dies war für mich der Grund, die entsprechenden Geschehnisse umfassend aufzuarbeiten.

Es fällt auf, dass es Hexen vornehmlich auf der Zürcher Landschaft, im damals zu Zürich gehörenden Teil des heutigen Kantons Aargau sowie in Stein am Rhein und Umland gab – nicht aber in der Stadt Zürich und in Winterthur. Weshalb ist dies so?

Sigg: Die städtischen Bürger waren die Herrscherschicht. Das galt für die Stadtzürcher Bürger ohnehin, für die Winterthurer Bürger in ihrer Stadt ebenfalls. Dies waren in Zürich zwischen 4000 und 5000 Bürger, in Winterthur knapp 2000. Sie waren mannigfach verwandt und verschwägert untereinander. Hätten sie sich nun gegenseitig denunziert, wäre das Herrschaftsinstrument korrumpiert worden. Deshalb begrenzte man die Verfolgung der Hexerei auf die Untertanen.

Weiter fällt auf, dass die als Hexen getöteten Frauen meist alleinstehend waren. Waren die vermeintlichen Hexen also ausnahmslos gesellschaftliche Outsider?

Sigg: Outsider ist eine zu strenge Bezeichnung. Vielmehr hatten diese Frauen kein oder dann nur ein mangelhaftes soziales Netz. Es waren ja vor allem ältere Witwen, hin und wieder auch jüngere lebenslustige ledige Frauen. Beide hatten sie keine Sippe im Hintergrund; sie waren also eine Art Freiwild.

Wie muss man sich denn in jener Zeit das Leben auf dem Lande vorstellen?

Sigg: Ich erkläre das immer so: Ein Getreidekorn, das man aussät, ergibt fünf Getreidekörner. Davon wiederum gingen die Aussaat und der Zehnte weg. Die Ernte war also lediglich drei- oder viermal grösser als die Aussaat. Daraus erklärt sich die grundsätzliche Knappheit an lebenswichtigen Dingen, an Nahrung, in dieser Zeit. Und vor dem Hintergrund dieser Knappheit passten die Menschen im Dorf aufeinander auf. Neid und Missgunst waren damals wohl noch grösser als heute.

Wie definierten die Menschen des 15., 16. und 17. Jahrhunderts eine Hexe?

Sigg: Es gibt da einmal die richterliche Definition, jene des Reichsrechts, dem auch Zürich unterstand. Hier waren die Teufelsbuhlschaft und die Verleugnung Gottes die Hauptpunkte. Dorfgenossinnen und Dorfgenossen wiederum definierten eine Hexe meist über den vermeintlichen Schadenzauber. Wenn es also etwa Hagel oder einen starken Reif gab und die an sich schon knappe Nahrung auf dem Feld verhagelt worden oder erfroren ist, suchte man Schuldige dafür – und fand sie dann in den vermeintlichen Hexen. Das lief jeweils immer so, dass der vermeintliche Schadenzauber der Obrigkeit gemeldet worden ist. Je nach Glaubwürdigkeit der Meldung setzte die Obrigkeit dann diese Frauen fest. Darauf begann die Folter, um ein aus richterlich-theologischer Sicht verwertbares Geständnis zu erhalten.

Wenn es zu aussergewöhnlichen Naturereignissen kam, wenn Vieh verendete, dann suchte man also Schuldige – und das waren dann die Hexen. So war es?

Sigg: Ja, genau so war es damals.

Und wer nach dieser Definition als Hexe erkannt wurde, musste zwingend sterben?

Sigg: Zu den 79 von mir dokumentierten Fällen mit Todesurteil kommen in Zürich etwa noch einmal so viele ohne Todesurteil dazu. Dieser Teil der Verdächtigen überstand alle Marter, ohne dass der springende Punkt, eben die Teufelsbuhlschaft, gestanden worden wäre. Insofern war es, wenn man so will, ein korrektes Verfahren: Nur wer gestand, landete auf dem Scheiterhaufen.

Es brauchte also immer diese sexuelle Komponente: Sich mit dem Teufel auf diese Art einlassen, das war todeswürdig?

Sigg: Ja, das war todeswürdig.

Das Todesurteil lautete stets auf Verbrennen – lange Zeit bei lebendigem Leib, später nach der Enthauptung. Welche Bedeutung kommt dieser Hinrichtungsart denn zu? Ressourcenschonend war sie ja nicht: Man brauchte dafür «zwei Klafter Holz».

Sigg: Es ging darum, die physische Existenz dieser Person total auszulöschen, nichts mehr von ihr übrig zu lassen: Fleisch und Gebeine verbrennen und die Asche dann dem Wasser übergeben. Das war strenger als man damals mit den Selbstmördern umging. Diese wurden zwar nicht auf dem Friedhof, aber immerhin ausserhalb begraben. Da ihr Körper noch vorhanden war, blieb ihnen nach den religiösen Vorstellungen jener Zeit so immerhin noch eine Chance auf Auferstehung.

Erschreckend ist, wie die «Geständnisse» zustande kamen. Das war schwerste Folter. Man staunt, dass die Frauen diese Torturen überhaupt überlebten.

Sigg: Die Folter machte sie oft zu Krüppeln. Zu vermuten ist zudem, dass diese Personen aufgrund der Folgen dieser Folter mittelfristig vielfach doch starben – zum Beispiel an schweren Infektionen.

Vom männlichen Pendant, dem Hexenmeister, steht in Ihrem Buch viel weniger. Konnten die Männer nach dem Verständnis jener Zeit denn nicht ebenso sehr mit dem Teufel im Bunde sein wie die Frauen?

Sigg: Doch, das konnten sie sehr wohl. Die damaligen Theologen haben ihrer Phantasie auch da freien Lauf gelassen. Ich dokumentiere die Verfahren gegen drei Männer. Bei denen war es dann halt so, dass sich der Teufel ihnen in Gestalt einer jungen Frau näherte und sie verführte. Auch hier also wieder: Die Männer hatten gestanden, dass sie sich körperlich mit dem Teufel eingelassen hatten.

Im Jahr 1701 endeten die Zürcher Hexenverbrennungen. Was ist der Grund dafür?

Sigg: Schon zur Zeit der Hexenverbrennungen gab es immer wieder Menschen, Theologen zumeist, die den Teufels- und Hexenglauben als unhaltbar bezeichneten. Diese Sicht bekam mit der Zeit eine Mehrheit – auch im Kleinen Rat der Stadt Zürich.

Nun könnte man sagen, die Menschen damals – auch jene, die im Kleinen Rat der Stadt Zürich sassen – waren davon überzeugt, gottgefällig zu handeln, wenn sie das Übel auf Erden ausrotteten. In Ihrem Buch sind Sie allerdings nicht bereit, dem Kleinen Rat der Stadt Zürich Generalabsolution zu erteilen. Weshalb nicht?

Sigg: Wie ich schon sagte: Es gab schon damals immer auch Theologen, die den Teufels- und Hexenglauben als unhaltbar bezeichneten. Dies zum einen. Zum andern: Die moderne Definition von Justizmord ist, dass Justizmord eben Justizmord bleibt – auch wenn die Richter zum Zeitpunkt des Geschehens glaubten, etwas Gutes und Rechtmässiges zu tun.

Interview: Richard Clavadetscher

Otto Sigg ehem. Staatsarchivar (Bild: Quelle)

Otto Sigg ehem. Staatsarchivar (Bild: Quelle)