Bei Anruf Strahlung

Japan Gut ein Jahr nach Fukushima hat ein Mobilfunkkonzern Handys mit Strahlenmesser auf den Markt gebracht.

Bernhard Bartsch/Tokio
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Es ist eine Funktion, die hoffentlich kein Benutzer je ernsthaft brauchen wird: Gut ein Jahr nach dem Nuklearunfall von Fukushima hat der japanische Telekomkonzern Softbank ein Handy mit eingebautem Strahlenmesser auf den Markt gebracht. Das bunte Telefon namens «Pantone 5» soll Kunden in die Lage versetzen, sich im Fall eines Atomunfalls über die Bedrohung informieren zu können. «Nach der Katastrophe war uns sofort klar, dass wir ein Handy mit Radioaktivitätsmessung entwickeln sollten», sagt Hiroaki Watanabe von Softbanks.

Mit der von dem japanischen Elektronikkonzern Sharp gelieferten Technologie lässt sich nun mit einem Knopfdruck in Sekundenschnelle ein Wert für die aktuelle Strahlenbelastung anzeigen. Eine genaue Bestimmung dauert allerdings zwei Minuten. Auch wenn das Telefon unbenutzt in der Tasche ist, führt es in regelmässigen Abständen Messungen durch.

Grenzwert selbst festlegen

Übersteigt die Radioaktivität einen bestimmten Wert, gibt das Handy ein Klingelsignal von sich. Wie hoch der Grenzwert sei, könne der Benutzer selbst festlegen, erklärt Watanabe. «Welche Strahlenmenge eine gesundheitliche Gefährdung darstellt, ist schliesslich eine umstrittene Frage.» Bei Fragen gibt ein eingespeichertes Lexikon zu Nuklearthemen Auskunft.

Die Daten aller Pantone-5-Handys werden von Softbank in eine Strahlungslandkarte eingespeist, auf die jeder Benutzer zugreifen kann. So liesse sich im Ernstfall bei der Flucht aus einer Gefahrenzone nachverfolgen, wo man sicher ist. Im vergangenen Jahr hätte dieser Service Bewohnern aus der Fukushima-Evakuierungszone geholfen, die nördlich des Kraftwerks in Notunterkünfte zogen, dort aber direkt unter einer radioaktiven Wolken waren.

«Unsere Zielgruppe sind vor allem Mütter, denn die machen sich in einem Krisenfall die grössten Sorgen», sagt Watanabe. «Wir wollen aber auf keinen Fall Angst schüren, sondern im Gegenteil einer möglichen Panik entgegenwirken.» Die Anwendung sei deshalb bewusst nicht als Notfall-App gestaltet. Statt des gängigen schwarz-gelben Radioaktivitätssymbols ist das Haupticon ein blaues Männchen, über dessen Kopf sich eine Messskala spannt wie ein schützender Regenschirm. Die Strahlungswerte werden in einem Farbspektrum von Tiefblau (sehr niedrig) über Grün bis Orange angezeigt.

Wissen, wo man sicher ist

«Die Menschen sollen nicht nur merken, wann ihnen Gefahr droht, sondern vor allem auch wissen, wann sie völlig sicher sind», erklärt der Entwickler. Deshalb weise an dem Handy äusserlich auch nichts auf die Sonderfunktion hin. «Vielen Menschen wäre es peinlich, in der Öffentlichkeit mit einem Geigerzähler herumzulaufen.»

Gemessen werden können die Gammastrahlen in der Luft. Die Belastung von Gegenständen lässt sich nicht bestimmen. Eine solche Funktion wäre zwar möglich, hätte das Handy aber deutlich grösser und teurer gemacht. Sollte das Pantone 5 erfolgreich sein, werde man darüber noch einmal nachdenken. Bisher sind die Entwickler jedenfalls zufrieden: Seit dem 15. Juli ist das Handy erhältlich und hat sich prompt zu einem Bestseller entwickelt – das, obwohl ein Pantone-5-Vertrag rund 20 Prozent teurer ist als der für ein iPhone von Apple. Monatlich rund 70 Franken müssen Nutzer über eine Laufzeit von zwei Jahren mindestens bezahlen.