BB: Kampf der teutonischen Titanen

Genial war die Idee meines Deutschlehrers am Gymi in Winterthur: Die Buddenbrooks und die Blechtrommel aufeinander loszulassen, die Titanen Thomas Mann und Günter Grass.

Dieter Langhart
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book (Bild: Dieter Langhart)

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Genial war die Idee meines Deutschlehrers am Gymi in Winterthur: Die Buddenbrooks und die Blechtrommel aufeinander loszulassen, die Titanen Thomas Mann und Günter Grass. Wir konnten wählen zwischen der Gruppe Buddenbrooks und der Gruppe Blechtrommel; dann hatte jede ihr Buch genau zu lesen und es der anderen vorzustellen: in Vorträgen mit Textbelegen und Deutungen.

Zu dritt nur waren wir in der Blechtrommel-Gruppe, das Gros der Klasse (darunter alle Mädchen) bildete die Mann-Fraktion. Uns trennten zwei Generationen, wir ackerten uns durch, das Abschreib-Internet war 1974 längst nicht erfunden.

Nur schon die Zeugung von Oskars Mutter unter Anna Bronskis weitem Rock mitten auf einem kaschubischen Kartoffelacker – faszinierend! Wie gern hätten wir drei zu trommeln begonnen daheim und unsre Eltern geärgert. Aber wie stehkragensteif kam uns der Herr Mann vor mit seinen seitenlangen Schilderungen nobler Interieurs und trister Menschen.

Nobelpreis hin oder her – Thomas Mann war mir eine Zumutung, während Grass strotzte vor Kraft. Ich hielt diese leblosen Lübecker nicht aus und verliess mich auf die andere Gruppe, der ich geflissentlich zuhörte. Jetzt gestehe ich es endlich: Ich habe die Buddenbrooks nicht zu Ende gelesen damals. Und nie seither, das beweisen der ungebrochene Buchrücken und die notizenfreien hinteren Seiten.

Thomas Mann: Buddenbrooks. Verfall einer Familie, 1901 Günter Grass: Die Blechtrommel, Danziger Trilogie 1, 1959