Basketball statt Damengambit

Die Schach-WM verläuft spannender als erwartet. Der bereits 44jährige indische Herausforderer Viswanathan Anand hat Weltmeister Magnus Carlsen in der ersten Woche gezeigt, wie gefährlich er noch immer ist.

Ulrich Stock
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Vier Partien sind in Sotschi gespielt, und der Kampf um die Schachweltmeisterschaft ist völlig offen. Der 23jährige Titelverteidiger Magnus Carlsen ging als Favorit in das dreiwöchige Match. Er ist seit Jahren die Nummer 1 der Weltrangliste. Im Sommer gewann er auch noch die Weltmeistertitel im Schnellschach und Blitzschach.

Und den soll Viswanathan Anand bezwingen? Der Inder ist bereits 44 Jahre alt und konnte seit langer Zeit keine Partie gegen Carlsen mehr gewinnen. Allerdings hat er sich dann im Frühling 2014 im Kandidatenturnier zur Ermittlung des neuen Herausforderers überraschend gegen sieben deutlich jüngere Weltklassespieler durchgesetzt.

Während die Schachwelt grummelte, weil das Ergebnis nicht der Erwartung entsprach, bereitete sich Anand dreieinhalb Monate lang auf seine Revanche vor, im deutschen Bad Soden, wo er auch eine Wohnung hat. Magnus Carlsen ging in die Schweiz ins Höhenlager – allerdings nur eine Woche lang. Er vermittelte den Eindruck, mit Anand auch so fertig werden zu wollen.

Carlsen gefürchtetes Ruheschach

Der Auftakt des WM-Kampfes sollte ihm zunächst Recht geben. In der ersten Partie wählte Anand mit Weiss eine scharfe Eröffnungsvariante, stellte Carlsen vor Probleme, verhedderte sich dann allerdings und kam am Ende noch glücklich mit einem Remis davon.

In Partie Nummer zwei zeigte Carlsen sein gefürchtetes Ruheschach. Da spielt nicht einer vom ersten Zug an auf Sieg, sondern baut sich ganz harmlos auf. Wer die ersten zehn, zwölf Züge der Partie sah, musste annehmen, dass sie bald unentschieden ausgehen werde. Im Nu hatte Carlsen drei Figuren vor dem gegnerischen König in Stellung gebracht, Anand wurde an den Rand gedrückt, musste eine Drohung nach der anderen parieren und übersah dann schliesslich eine ziemlich einfache.

Am folgenden Ruhetag am Montag sah man Carlsen und sein Team auf dem Feld hinter ihrem Fünf-Sterne-Hotel stundenlang Basketball spielen. Anand und seine Sekundanten sassen unterdessen im achten Stock und bereiteten die Eröffnungsvarianten des nächsten Tages vor.

Hat Anand die Angst überwunden?

Dies hätte Carlsen vielleicht besser auch tun sollen, monierten hinterher die norwegischen Medien: Ohne Chance auf Gegenwehr verlor der Mann aus Oslo die dritte Partie, noch dazu in einem derzeit viel gespielten System des Damengambit. In der vierten Partie konnte Carlsen keinen nennenswerten Druck aufbauen. Hat Anand seine Angst vor Carlsen etwa überwunden? Dann darf sich die Schachwelt noch auf acht spannende Partien freuen.

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