BARTWUCHS: Bart, aber schön

Mann trägt wieder Bart. Aber gepflegt soll er sein. Die Barbiere Nino Liotta und Leonard Cakolli wissen wie's geht.

Sereina Jörg
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Das Messer gleitet sanft über den Hals. Der Kunde liegt in einem dick gepolsterten Sessel, während Barbier Leonard Cakolli dessen Bart mit gekonnten Schnitten in Form bringt. Der Besitzer des Gentlemen's Club in St. Gallen hat neben einer Bar auch klassische Barbierstühle in seinem Studio stehen. Die Bartträger rennen ihm die Türen ein. «Ich muss mir überlegen, ob ich noch jemand Dritten einstelle», sagt Cakolli. Es gebe immer mehr Männer, die auch ihre Gesichtsbehaarung professionell geschnitten haben wollen. «Ab und zu ist es gut, wenn vor allem die Konturen am Hals von einem Herrencoiffeur geschnitten werden.»

Das sieht auch Nino Liotta so. Der Geschäftsführer des Taninos Barbiershops in Kreuzlingen ist ein Barbier und Herrencoiffeur alter Schule. Das Handwerk hat er von seinem sizilianischen Vater gelernt. «Ab und zu sollte sich jeder Mann eine professionelle Rasur gönnen», sagt der 52-Jährige. Er habe schon einige Kunden gehabt, welche während der Rasur eingeschlafen seien. «Eine Rasur tut gut und sieht gut aus.»

Die Männer entdecken sich neu

Nino Liotta und Leonard Cakolli sind sich einig: Bärte – vor allem Vollbärte – sind kein vorübergehender Trend. Denn bis Mann sich einen Vollbart habe wachsen lassen, dauere es seine Zeit. Den rasiere man nicht so schnell wieder ab.

Es ist nicht zu übersehen, dass nach Jahren der glattrasierten Gesichter immer mehr Männer ihre Barthaare spriessen lassen. Vor allem Dreitagebart und Vollbart sind im Trend. Mit einer politischen Gesinnung wie etwa zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Russland und Grossbritannien hat die heutige Bartmode aber wenig zu tun. Damals trugen Männer Vollbärte, um ihren Protest gegen die bestehende Ordnung zu demonstrieren. Bart zu tragen, zeugte von Haltung.

Und heute? «Die Männer haben sich neu entdeckt», sagt der 27jährige Leonard Cakolli. «Sie nehmen sich Zeit für sich und achten auf ihr Äusseres.» Für Pflegeprodukte greife Mann auch tiefer in die Taschen als noch vor einigen Jahren. Denn auch ein Vollbart braucht intensive Pflege. Dafür haben sich die Hersteller für Coiffeurbedarf einiges einfallen lassen. Mit Bartbürsten, Bartcrèmes, Bartshampoos, Bartwachsen und Bartölen kann die Gesichtsbehaarung in Bestform gebracht werden.

Doch braucht es das alles? «Das Öl lässt den Bart gut riechen. Das spielt auch für die Frauen eine wichtige Rolle, etwa bei der Begrüssung», sagt Barbier Nino Liotta. «Ich hatte schon viele Kunden in meinem Herrensalon, die auf Geheiss der Ehefrauen und Freundinnen ihren Bart stutzen lassen mussten.» Zudem gebe es nicht wenige Frauen, die Männer mit Bart attraktiver fänden. «Bartträger wirken reifer und maskuliner.»

Pflege und Geduld sind das A und O

Doch wer einen schönen Bart haben will, muss auch etwas dafür tun – vor allem für einen Vollbart. Nino Liotta bietet die traditionelle amerikanische Rasur an: Bart schneiden, stutzen, mit Bart-shampoo waschen, Öl oder Wachs einstreichen und ein heisses, nasses Tuch auf das Gesicht und den Bart legen. So können die Pflegeprodukte gut einwirken. «Denn Barthaare sind borstig und ab einer gewissen Länge können sie brechen», erklärt er.

Um ein gutes Ergebnis zu erzielen, arbeitet Nino Liotta traditionell mit Pinsel, Rasierschaum und warmem Wasser. Nur für die Konturen braucht er ein Gel. Und geschnitten wird mit einem klassischen Rasiermesser.

Der halb so alte St. Galler Cakolli setzt hingegen bei der Pflege auf Schweizer Produkte wie Bienenwachs und natürliche Öle. Auch ist er kein Fan von Rasierschaum. Der Pinsel ist ihm zu unhygienisch. Er arbeitet hauptsächlich mit einem Gel und einem klassischen Rasiermesser. «Der Bart muss nicht immer scharf geschnitten sein, um gepflegt auszusehen», sagt er. «Er muss vor allem zur Gesichtsform passen und nicht wuchern.» Sonst sähe man schnell aus wie ein Alpöhi mit Rauschebart. Das Gesamtbild müsse einfach stimmen.

Für einen Bart unters Messer

Cakolli ist der Meinung, dass es fast zu viele gute Frauencoiffeure, aber zu wenig Herrencoiffeure gibt. Darum hat er vor einem Jahr seinen Salon im Keller des Kleidergeschäfts Männerwerk in St. Gallen eröffnet.

Nino Liotta führt das 1980 eröffnete Familienunternehmen in Kreuzlingen mit seiner Schwester. Traditionell würden bei ihm viele Männer ohne Termin auftauchen. Darunter auch solche, die auch nur für eine Glattrasur kämen.

Und was ist mit Männern, die einen Vollbart wollen, aber deren Bartwuchs zu dünn dafür ist? «Die sollen es mit dem Bart besser bleiben lassen», sagt Cakolli. Auch wer glaubt, die Barthaare würden durch häufiges Rasieren zahlreicher und dicker nachwachsen, irrt.

Der Kreuzlinger Liotta ist im Gegensatz zu Cakolli nicht der Meinung, dass Männer mit kahleren Stellen im Gesicht auf einen Bart verzichten müssen. «Sind die Barthaare lang genug, überdecken sie die kahlen Stellen problemlos.» Wird Mann mit seinem Bartwuchs nicht glücklich, kann er auch den Gang in eine Schönheitsklinik erwägen. Diese bieten mittlerweile spezielle Barthaartransplantationen an. Und das nicht etwa in fernen Staaten, sondern auch an der Bahnhofstrasse in Zürich. Bleibt noch der für manche störende Umstand, dass die Barthaare vieler braun- und blondhaariger Männer einen Rotstich aufweisen. «Kein Problem», sagt Cakolli, «wir färben auch Bärte.»