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Barbaren sind immer die anderen

Das richtige Benehmen ist keine Frage der Erziehung, sondern ein Sinnbild für die herrschende Hackordnung, schreibt Ari Turunen und erklärt auch, warum die Kirche Gabeln verbot.
Katja Fischer De Santi
«Germans Eating Sour-Krout» und benehmen sich aus Sicht eines Engländers ziemlich daneben. (Bild: James Gillray 1803 / The British Museum)

«Germans Eating Sour-Krout» und benehmen sich aus Sicht eines Engländers ziemlich daneben. (Bild: James Gillray 1803 / The British Museum)

Man müsste dieses schmale Büchlein vor seinen Kindern gut verstecken. Nicht wegen des Kapitels über Sex und der permanenten menschlichen Brunstzeit. Auch nicht wegen der längeren Passagen übers Furzen und Schneuzen. Nein, Ari Turunens «Kurze Geschichte des guten Benehmens» könnte bewirken, dass der Nachwuchs künftig noch weniger Lust hat, sich «gesittet» zu benehmen. Denn da ist dauernd die Rede davon, dass gutes Benehmen nichts anderes sei als die Folge eines anerzogenen Schamgefühls. Und sowieso sei dieses sogenannte gute Benehmen stets dazu missbraucht worden, Standesdünkel aufrechtzuerhalten. Gute Etikette sei nichts anderes als gestelztes Getue, um sich von Untergebenen, Jüngeren, weniger Gescheiten und weniger Reichen abzuheben. Ein Code um Seinesgleichen von Andersartigen zu unterscheiden.

Warum benehmen wir uns so und nicht anders?

Wenn der finnische Wissenschaftsjournalist Ari Turunen über gutes Benehmen schreibt, dann ist von Anbeginn klar, dass es nicht darum geht, wie man sich benimmt, sondern warum wir uns so benehmen. Warum essen wir mit Messer und Gabel? Warum begrüssen wir uns mit der Hand?

Weil es der menschlichen Natur entspricht höflich, anständig und reinlich zu sein? «Sicher nicht!», schreibt Turunen. «Der Mensch war immer das, wozu ihn die umgebende Gesellschaft erzogen hat.» Das Triebhafte, Emotionale, Gewalttätige galt es unter Kontrolle zu bringen. Bevor höfische Benehmen auch in nicht adligen Kreisen als erstrebenswert erachtet wurde, furzte, spuckte und urinierte der europäische Mensch, wie und wo es ihm gerade passte. Wurde eher gefressen als gegessen, eher geschrien als geflüstert. Ja, selbst die ritterliche Angewohnheit der Dame die Türe aufzuhalten, hatte ursprünglich wenig Charmantes. Die Ritter liessen die Damen zuerst durch die Tür, weil dahinter Meuchelmörder lauern konnten. Auch das Händeschütteln kommt aus eher kriegerischen Zeiten, als es hilfreich war zu wissen, ob das Gegenüber eine Waffe in der Hand hat oder nicht.

Allein dem Standesdünkel der Adligen sei zu verdanken, dass sich der europäische Mensch zu zivilisieren begann, schreibt Turunen. Am französischen Hof trieb dieses Gebaren besonders bunte Blüten. Um sich von den gerne als Esel oder Affen dargestellten niederen Ständen abzuheben, wurden Perücken aufgesetzt, das Gesicht gepudert, komplizierte Grussriten ersonnen und das Essen zu einer komplizierten Abfolge von Gängen und Gedecken hochstilisiert.

Wobei den Europäern Gabel und Messer lange Zeit suspekt waren. Das Messer war eine Waffe. Jeder Mann trug eines bei sich, dieses bei Tische zu zücken konnte gefährliche Folgen haben. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts rieten Benimmbücher in England die Verwendung des Messers am Esstisch so weit wie möglich zu vermeiden. Auch die Gabel hatte keinen leichten Stand. Die Kirche verbot sie als «Teufelsforke», schliesslich habe Gott den Menschen Finger zum Essen gegeben. Weil aber «tierisches Benehmen» am Esstisch zunehmend Abscheu auslöste, wurde der Druck auch auf die unteren Stände «anständig» zu essen immer grösser.

Höfische Etikette in Gourmetrestaurants

Auch noch heute seien Tischsitten ein Mittel der sozialen Distinktion, schreibt Turunen. So herrschen in vornehmen Restaurants noch immer fast höfische Etiketten. Das Verhalten der Kellner und Gäste folgt einem genauen Protokoll, es geht darum, «kultiviertes» Benehmen zu demonstrieren. Dass das Essen darob manchmal fast vergessen wird, ist vielleicht sogar Sinn der Sache.

Ari Turunen: Bitte nach Ihnen, Madame. Eine kurze Geschichte des guten Benehmens, Nagel & Kimche 2016

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