Baby aus der Schale

Während die Politiker in Bundesbern über die Präimplantationsdiagnostik debattieren, fragt sich der normale Bürger: Wie wird ein Baby eigentlich künstlich gezeugt? St. Galler Reproduktionsmediziner erklären den Vorgang.

Diana Bula
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Künstliche Befruchtung: Mit einer Nadel spritzt der Embryologe ein Spermium in die Eizelle. (Bild: Michel Canonica)

Künstliche Befruchtung: Mit einer Nadel spritzt der Embryologe ein Spermium in die Eizelle. (Bild: Michel Canonica)

Da, endlich hat eines mit der Geissel gezwickt. Felix Roth, Laborleiter am Fachinstitut für Reproduktionsmedizin und Gynäkologische Endokrinologie Fiore in St. Gallen, hat unter dem Mikroskop soeben ein aktives Spermium entdeckt. Auf dem Bildschirm lässt sich beobachten, wie es sich um kleine und grosse Flecken schlängelt. «Fangen wir es ein», sagt Roth. Seine rechte Hand liegt auf einem Joy-Stick, mit dem er den Halter bewegt, in dem eine Nadel steckt. Ihre Spitze ragt in eine Kulturschale. Roth klapst dem Spermium mit der Nadel auf den Schwanz. «So mache ich es immobil und kann es dann aufzusaugen.» Die Szene erinnert an ein Computerspiel.

Nehmen, was kommt

Das Sperma des Patienten hat keine Samenzellen enthalten. In der Kulturschale liegt deshalb ein Stückchen Hodengewebe. Viele Spermien sind auch da nicht, viele aktive schon gar nicht. «Wir müssen nehmen, was kommt», sagt Roth. In anderen, besseren Fällen wählt er die perfektesten Samenzellen aus. Bei der Selektion hält er sich jeweils an Fragen wie diese: Ist der Kopf des Spermiums gleichmässig oval? Bewegt sich die Geissel um die Längsachse? Die Mitarbeiterin bringt eine Schale, darin befinden sich die vor kurzem entnommenen Eizellen. Roth fixiert sie mit einer Haltepipette, spritzt je ein Spermium ein und wirbelt sie mit der Nadel wieder weg. Die Eizellen sind nun befruchtet und kommen in den Wärmeschrank. 37,1 Grad, fast wie im Körper, dessen Klima und Bedingungen die Embryologen imitieren.

«Wir helfen nur nach»

Roth macht hier in wenigen Minuten möglich, was die Körper von Mann und Frau während Wochen, Monaten, Jahren nicht geschafft haben. Er muss für viele ein Zauberer sein, ein Schmied des Kinderglücks. Roth winkt ab: «Meine Arbeit wird oft überschätzt. Wir helfen nur einen kurzen Augenblick ausserhalb des Körpers nach.»

Doch: Roth hat soeben die invasivste Art der künstlichen Befruchtung ausgeführt. Felix Häberlin, Leiter des Fiore, wählt sie, wenn die Spermien zu schwach sind, um die Glashaut der Eizelle aus eigener Kraft zu durchdringen. Männliche Unfruchtbarkeit, sie sei in ungefähr einem Drittel aller Fälle der Grund, weshalb es nicht zur Schwangerschaft komme. Auch Gebärmutterschleimhaut, die sich ausserhalb der Gebärmutter einnistet, kann ein Paar lange auf ein Kind warten lassen. «Bei der sogenannten Endometriose entstehen Vernarbungen, die manchmal den Eileiter verkleben und die Eizelle nicht durchlassen», sagt Häberlin. Manchmal liegt auch eine Hormonstörung vor oder die Eierstöcke sind derart verändert, dass kein Eisprung eintritt.

500 Paare, 300 Kinder

500 Paare lassen sich jährlich am Fiore beraten. Etwa 300 Kinder resultieren daraus. 200 durch künstliche Befruchtung, 60 durch eine einfachere Behandlung und 40 Kinder durch eine Operation, die den Eileiter der Mutter wieder freimacht. «Damit sind wir eines der wenigen Zentren in der Schweiz, das neben der künstlichen Befruchtung alle anderen Methoden anbietet.» Beim Fiore handelt es sich laut Häberlin um die fünftgrösste von 29 Reproduktionskliniken im Land; wie in Unikliniken werden hier in St. Gallen Reproduktionsmediziner ausgebildet.

In der Regel verweisen Frauenärztinnen und -ärzte die Paare an Häberlins Team. Die Fiore-Experten analysieren dann während vier Monaten den Zyklus der Patientin. Wie wächst das Eibläschen, wie baut sich die Gebärmutterschleimhaut auf? Gedeiht das Eibläschen nicht, verabreichen sie der Frau Hormone, die das Wachstum ankurbeln – bis der Eisprung dennoch eintritt. «Gibt es leichte Einschränkungen von Seiten des Mannes, bieten wir die Insemination an. Wir filtrieren die beweglichsten Spermien heraus und geben sie in die Gebärmutter der Frau zurück», erklärt Häberlin. Nützt das alles nichts, entscheiden sich viele Paare für die künstliche Befruchtung im Reagenzglas, wie eingangs beschrieben. Wobei Häberlin das Wort «Reagenzglas» nicht gelten lässt: «Wir arbeiten mit Kulturschälchen, die aus Kunststoff und nicht aus Glas sind.»

Im Operationssaal werden der Frau unter Narkose mit einer langen Nadel Eizellen entnommen, die in die Kulturschale kommen. An Tag 1 nach der Befruchtung verschmelzen der weibliche und männliche Vorkern, die Zellteilung setzt ein. Bis Tag 5 entsteht so ein Keim mit rund 120 Zellen. «Viele der einmal befruchteten Eizellen hören während der ersten Tage jedoch bereits wieder zu wachsen auf», sagt Häberlin. Die Hauptursache: Die Chromosomen haben sich ungleich verteilt. Je älter die Frau sei, desto häufiger geschehe das. Entwickeln sich mehr als drei Eizellen weiter, hat der Embryologe im Labor die Qual der Wahl. Wie bei den Spermien orientiert er sich an Qualitätsmerkmalen, entnimmt jene, die ihm aufgrund seiner Erfahrung am robustesten erscheinen. «Es bleibt jedoch Lotterie. Und diese Lotterie führt dazu, dass manchmal gar kein überlebensfähiger Embryo zurückbleibt», sagt Häberlin und schiebt nach: «Ein Drama für die Betroffenen.» Doch empfinden Frauen, die auf natürlichem Weg schwanger werden wollen, nicht die gleiche Enttäuschung, wenn die Menstruation wieder einsetzt? Häberlin schüttelt den Kopf: «Bei der künstlichen Befruchtung zeigen wir dem Paar ein Foto des frühen Embryos. Es finden viele Untersuche statt. Das alles lässt die beiden einen stärkeren Bezug zum Embryo aufbauen als bei einer natürlichen Schwangerschaft.» Stirbt der Embryo ab, bevor er zurück in die Gebärmutter kommt, reagiere die Frau oft ähnlich wie nach einem Frühabort in der sechsten bis zwölften Woche: Hilflosigkeit, Trauer, Depression.

Mehr Mehrlinge

Weil in der Schweiz die Anzahl weiterzuentwickelnder befruchteter Eizellen beschränkt bleibt, ist die Chance auf einen vitalen Embryo kleiner als in Ländern mit liberaleren Gesetzen. Um die Erfolgsaussichten dennoch zu erhöhen, pflanzen die hiesigen Reproduktionsmediziner der Frau meist zwei bis drei Embryos aufs Mal ein. Damit steigt das Risiko einer Mehrlingsgeburt und somit der Frühgeburt. Denn bei einer Mehrlingsgeburt dehnt sich die Gebärmutter stärker als üblich aus, die Wehen setzen manchmal vorzeitig ein. «Geschieht das vor der 32. Woche ist das Risiko für eine Gehirnblutung, Sehstörung oder Infektion beim Säugling höher», sagt Häberlin.

«Inkompetenter Entscheid»

Der Mediziner macht sich darum für den Single-Transfer stark. Die Methode also, bei der man etwas länger zuwartet, um der Mutter einen einzelnen gutentwickelten Embryo zurückzugeben. Häberlin ist mit dem aktuellen Entschluss des Ständerates denn auch unzufrieden. Er bezeichnet ihn gar als «inkompetent». Zwar dürfen die Ärzte für Paare mit erblicher Vorbelastung demnach neu acht Embryonen herstellen, für Paare ohne jedoch weiterhin nur drei. «Drei ist für Normale zu wenig, acht für die anderen ebenso.» Würde die Begrenzung aufgehoben werden, könnte die Behandlung oft nach ein oder zwei Versuchen abgeschlossen werden. «So aber braucht es weiterhin drei bis vier Anläufe. Das ist für ein Paar eine emotionale Belastung. Und auch eine finanzielle.» Die Behandlung am Fiore beläuft sich auf insgesamt 4000 bis 7000 Franken; das Paar muss sie in der Schweiz, als einzigem Land in Europa, selber tragen.

Der Ständerat hat zudem über die Präimplantationsdiagnostik entschieden – und sie erlaubt, aber nur bei Gefahr einer Erbkrankheit. «Dieser Fall tritt so selten ein, dass es sich aus Qualitätsgründen für eine Schweizer Institution kaum lohnen wird, diese Technik zu etablieren», sagt Häberlin. Faktisch könne man Betroffene für solche Tests weiterhin gleich ins Ausland schicken. Mit derselben Technik gelänge es Genetikern auch, Chromosomenstörungen festzustellen, die später zu einem nicht lebensfähigen Embryo führen. Davon wollte der Ständerat aber nichts wissen. «Frauen müssen das künstlich gezeugte Baby also zuerst drei Monate austragen, um die Schwangerschaft später doch abzubrechen, wenn ein Untersuch eine entsprechende Chromosomenstörung aufzeigt. Das ist ethisch fragwürdig.» Häberlin hofft, dass der Nationalrat anders entscheiden wird.

Das Werk zu Ende bringen

2 bis 3 Prozent aller Babies, die in der Schweiz zur Welt kommen, werden heute künstlich gezeugt. Die Patientinnen, die sich am Fiore behandeln lassen, sind im Durchschnitt 36 Jahre alt. Eine Embryologin kommt mit einem Katheter aus dem OP zurück, am Instrument klebt etwas Blut. «Wir haben der Patientin soeben ihre Keime zurückgegeben.» Embryotransfer nennt sich das im Fachjargon. Nun müssen sich die Embryos in der Gebärmutterschleimhaut einnisten. «Ein kritischer Moment», sagt Häberlin. Dieser Schritt lasse sich medizinisch kaum beeinflussen. Die Patientin sollte entspannt sein, ihre Gebärmutter ebenfalls. Medikamente und Akupunktur können das begünstigen. In zwei Wochen zeigt der Schwangerschaftstest, ob die Behandlung erfolgreich war. Wiederum zwei Wochen später: der erste Ultraschall. Häberlin ist einer der wenigen Schweizer Reproduktionsmediziner, die parallel in der Geburtshilfe arbeiten. In siebeneinhalb Monaten voraussichtlich wird er das Kind auf die Welt begleiten. Und zu Ende bringen, was er begonnen hat.

Idealtemperatur: Der Wärmeblock wärmt die Eibläschenflüssigkeit. (Bild: Michel Canonica)

Idealtemperatur: Der Wärmeblock wärmt die Eibläschenflüssigkeit. (Bild: Michel Canonica)

Nach erfolgtem Embryotransfer: Ist der Katheter auch wirklich leer? (Bilder: Michel Canonica)

Nach erfolgtem Embryotransfer: Ist der Katheter auch wirklich leer? (Bilder: Michel Canonica)

Felix Häberlin (r.), Leitender Arzt des Fachinstituts für Reproduktionsmedizin Fiore, mit Laborleiter Felix Roth. (Bild: Michel Canonica)

Felix Häberlin (r.), Leitender Arzt des Fachinstituts für Reproduktionsmedizin Fiore, mit Laborleiter Felix Roth. (Bild: Michel Canonica)