AUTOSALON: Kunstwerk Auto

In Genf werden sie von Donnerstag an zu sehen sein: glänzende, neue Fahrzeuge. Umstritten sind und bleiben sie – aber auch bewundert. Zum Beispiel von den Künstlern.

Rolf App
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Wie ein Eispanzer legt sich Ólafur Elíassons Skulptur um den mit Wasserstoff betriebenen Rennwagen – und sieht aus wie ein gefrorenes Urzeittier. (Bild aus: BMW Art Cars, Hatje Cantz)

Wie ein Eispanzer legt sich Ólafur Elíassons Skulptur um den mit Wasserstoff betriebenen Rennwagen – und sieht aus wie ein gefrorenes Urzeittier. (Bild aus: BMW Art Cars, Hatje Cantz)

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@tagblatt.ch

Im Jahr 1997 hat der Künstler Ólafur Elíasson einen Ventilator an einer langen Schnur an eine Decke gehängt und ihn durch seinen eigenen Antrieb durch den Raum gejagt. Statt Wind zu spenden, ist der Ventilator zu seiner eigenen Antriebsdüse gewor­den, und viele Besucher der Ausstellung haben sich zuallererst einmal in Sicherheit gebracht. Denn wie kann man einem Ding noch trauen, das seine ureigene Auf­gabe so resolut hinter sich lässt?

Ólafur Elíasson baut einen Rennwagen um

Schon die Arbeit «Ventilator» zeigt: Man muss diesem Dänen isländischer Abstammung einiges zutrauen. Das haben sie auch bei BMW gedacht, als sie 2007 Ólafur Elíasson gebeten haben, den mit Wasserstoff betriebenen H2R-Rennwagen zu einem Kunstwerk umzuformen. Elíasson war keineswegs der erste, dem diese Ehre zuteil wurde. Künstler wie Alexander Calder, Andy Warhol, Robert Rauschenberg, A.R.Penck, David Hockney und Jeff Koons haben aus den Autos der Bayerischen Motorenwerke (BMW) bereits rollende Skulpturen gemacht. «Diese Rennautos sind wie das Leben», hatte Koons gesagt, «sie strotzen vor Kraft und haben enorme Energie.» Allerdings ging Elíasson am radikalsten ans Werk. Zuerst legte er das Fahrgestell frei, dann breitete er eine Netzstruktur darüber und formte eine ebenso komplexe wie feingliedrige «Haut» aus zwei übereinander liegenden, spiegelnden Metallschalen. Jetzt sah das Auto aus wie eingefroren. «Anstatt den Wagen schnell und heiss aussehen zu lassen, machte er ihn langsam und vor allem kalt», schreibt Silke Hohmann im Buch zu dieser BMW-Kunstaktion, das 2014 unter dem Titel «BMW Art Cars» bei Hatje Cantz erschienen ist.

Das Auto als Kunstwerk: So betrachtet man diese Maschine selten, die unser Leben so sehr verändert hat. Das Auto: Das ist fahrbarer Untersatz, manchmal auch Statussymbol. Man zeigt, wer man ist, oder in welche Region gesellschaftlicher Anerkennung man noch vorstossen will. Je nachdem muss man dann auch ziemlich Geld in die Hand nehmen. Aber natürlich ist es beeindruckender, wenn man sagen kann: «Ich fahre Jaguar» statt «Ich fahre erste Klasse». Dort hebt man sich nur ein wenig von der Masse derer ab, die tagaus, tagein einen Zug besteigen.

«Schöner als die Nike von Samothrake»

Das Auto als Kunstwerk: Das deutet zum einen auf einen höheren, weil immateriellen Anspruch hin. Und zum andern auf seine Abgehobenheit vom Alltag. Sie war in den Frühzeiten weit ausgeprägter als heute. 1909 nannte Filippo Tommaso Marinetti in seinem «Futuristischen Manifest» einen Rennwagen «schöner als die Nike von Samothrake» und beschrieb die Geschwindigkeit als «Herrlichkeit der Welt».

Ein paar tausend potenzielle oder tatsächliche Raser mögen das noch immer so empfinden. Den andern aber kommt, wenn sie im Stau stehen, keineswegs mehr die griechische Göttin des Sieges in den Sinn – deren Geschwister übrigens Eifersucht, Kraft und Gewalt gewesen sind.

Denn je stärker sich die Automobilität ausbreitet, umso mehr verliert sie ihren Glamour-Effekt. Kaum ein Auto stellt mehr etwas wirklich Besonderes dar, auch wenn es durchaus die Freunde dieses oder jenes Modells gibt. Denn diese Modelle gleichen sich in vielen Fällen wie ein Ei dem andern. Überall findet man das selbe, etwas grobschlächtige Design, und auch die Farben wiederholen sich – wenn man denn Schwarz oder Anthrazit überhaupt als Farben bezeichnen will. Mütter, die ihre Kinder in die Schule bringen, fahren in panzerähnlichen Karossen vor. Monetär mögen sie viel investiert haben, einen Gegenwert an Eleganz erhalten sie nicht.

Kürzlich habe ich gelesen, der Borgward Isabella werde wieder gebaut. Der Isabella: Das war unser allererstes Auto, schätzungsweise um 1960 herum und in meiner Erinnerung ein Ding mit blitzenden Zierleisten und eleganten Formen. Schön war er, fein und filigran, wobei ich keine präzise Erinnerung habe an diese Schönheit. Beim Ford Mustang liegen die Dinge anders, weil ich da schon vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war. Noch heute klopft mir das Herz, wenn ich einen älteren Mustang sehe. Ich muss dann, sofern er irgendwo parkiert steht und nicht einfach vorbeibraust, mindestens einmal um ihn herum gehen.

Ein anderes Kunstwerk sticht ins Auge: der Motor

Diese Autos sind Kunstwerke, aber nur für mich, zumal sie sehr stark mit all dem verbunden sind, was ich mit meinem Vater erlebt habe. Zwar hat Jean Paul noch immer recht, wenn er an der Schwelle zum 19. Jahrhundert erklärte: «Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.» Aber das Paradies der Kindheit ist privater Boden.

Manchmal allerdings, wenn ich heute den Deckel zum Motorraum hebe, sticht mir ein anderes Kunstwerk ins Auge: Es ist der Motor, diese unglaublich präzise, rätselhafte Maschine, die aus Benzin Bewegung macht. Vielleicht hätte Ólafur Elíasson also einfach einen Motor an die Decke hängen können. Doch vermutlich wollte er sich nicht wiederholen.

Und: Er verfolgte noch ein anderes Motiv mit seinem Eisberg. «Unsere Fortbewegung impliziert Reibung», erklärte er, und meinte damit «nicht nur Luftwiderstand, sondern auch gesellschaftliche, physische und politische Reibung.»