Autoren-Kritik an EU

Europakritische Töne beim Literaturfestival in Ascona: Autor Hans Magnus Enzensberger liess kein gutes Haar an den europäischen Institutionen.

Gerhard Lob/Ascona
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Eigentlich wollte Hans Magnus Enzensberger, der 83jährige Grand Seigneur der deutschen Literatur, aus seinem Buch «Meine Lieblings-Flops» lesen und sich über kuriose Reinfälle in seinem Leben unterhalten. Doch mit seinem Klassiker «Ach Europa!» hat er schon 1987 ein Werk über einige europäische Länder geschrieben, das an Aktualität nichts eingebüsst hat.

«Von Abkürzungen regiert»

So erstaunte es nicht, dass Enzensberger beim neuen Literaturfestival auf dem Monte Verità von Ascona auf den Zustand des heutigen Europas angesprochen wurde. «Es ist wie ein Trichter, man endet immer bei der Politik», raunte Enzensberger zuerst widerspenstig. Um dann unverhohlen seinen Frust über die EU kundzutun, die seiner Meinung nach als utopisches Projekt nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen hatte. So bezeichnete er zuerst die Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass Europa scheitere, wenn der Euro scheitere, als «Unsinn». Die Geschichte Europas sei wesentlich älter als der Euro. Das müsse man endlich mal zur Kenntnis nehmen.

Enzensberger kritisierte zudem explizit die Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) oder Konstruktionen wie den Euro-Rettungsschirm (EFSF): «Wir werden von Abkürzungen regiert», ironisierte er, und kritisierte, dass diese «Regierungen» nicht gewählt seien. Niemand wisse genau, wer dahinterstehe. Überall in Europa werde heute «getrickst».

Sloterdijk zum Abschluss

Am Sonntagabend sprach der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk (65) zum Abschluss des hochkarätigen Literaturfestivals zum Thema «Warum Utopien scheitern». In einem Interview mit der «Sonntags-Zeitung» liess sich Sloterdijk vorab über Europa aus, «das unter günstigeren Umständen tatsächlich eine Wiederholung der Schweiz in vergrössertem Massstab hätte werden können. Durch die Einführung der gemeinsamen Währung hat es seine historischen Chancen vorerst zerstört.» Zur Frage, ob die Schweiz klug gehandelt hat, ausserhalb der EU zu bleiben, antwortete Sloterdijk mit einer Gegenfrage: «Ist Ihnen nicht auch aufgefallen, dass manche Leute sehr still geworden sind, die bis vor kurzem doziert haben, die Schweiz müsse um alles in der Welt Mitglied der EU werden?»

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