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AUTONOM: «Parkhäuser werden abgerissen»

In Neuhausen am Rheinfall wird die Mobilität der Zukunft getestet. Schweizweit einmalig werden selbstfahrende Busse in den öffentlichen Verkehr integriert. In Städten könnte das Auto verschwinden.
Bruno Knellwolf
Der autonom fahrende Bus der Firma AMoTech, der im ÖV-Lab getestet und in den Schaffhauser Verkehrsbetrieb integriert werden wird. (Bild: Eric Bührer (Neuhausen, 4. Juli 2017))

Der autonom fahrende Bus der Firma AMoTech, der im ÖV-Lab getestet und in den Schaffhauser Verkehrsbetrieb integriert werden wird. (Bild: Eric Bührer (Neuhausen, 4. Juli 2017))

Bruno Knellwolf

Ein Steuerrad oder ein Gaspedal sucht man vergebens. Elf Personen nehmen im Bus Platz, der gleich ohne Chauffeur in Richtung Rheinfall davonfahren wird. Anschnallen muss man sich nicht, die Höchstgeschwindigkeit des selbstfahrenden Busses beträgt 25 Kilometer pro Stunde. Kurz stockt der Bus noch und die Frau, die eine Gamekonsole in der Hand hält, muss noch ein paar Knöpfe drücken. Dann aber fährt der mit Radar und Kameras versehene Navia-Bus los, hält an einer Station auf dem Firmen­gelände und rollt dann zu einer nächsten Station mit Blick auf den Rheinfall. Das Ganze fühlt sich eher als Zug- denn als Busfahrt an.

«Der autonom fahrende Bus ist erst seit zwei Wochen hier», erklärt Dominique Müller, Geschäftsführer der Firma AMoTech, die in Neuhausen am Rheinfall ein «ÖV-Lab am Rheinfall» eröffnet hat: Ein Kompetenz­zentrum für autonome Mobilität. «Ein Meilenstein für den öffentlichen Verkehr und die Mobilität der Zukunft», sagt Peter Schneck, CEO der ­Firma Trapeze, zu welcher AMoTech gehört. Trapeze ist eine weltweit agierende Firma, die ÖV-Technologielösungen anbietet: Ticketautomaten, Entwerter und Leitsysteme für den ÖV in London, wie auch in Zürich, Bern und Luzern.

Und dem öffentlichen Verkehr gehört nach Peter Schneck die Zukunft. Bald gebe es keinen freien Zugang in Grossstädte mehr. Modellcharakter habe Singapur. Bis 2020 fahren dort 40 vollautonome Busse. «Bis 2025 hat sich die Stadt verpflichtet, die Innenstadt komplett frei vom Individualverkehr zu machen», sagt der Chef von Trapeze. «Es gibt dort heute schon kaum mehr Parkplätze. Parkhäuser werden abgerissen, um Land zu ge­winnen – um besser rentierende Shopping Malls zu bauen», sagt Schneck. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel habe angekündigt, dass der individuelle Verkehr in 20 Jahren selten sei. Er glaube, dass das schon viel früher der Fall sein werde.

Da wird widersprechen, wer selber gerne aufs Gaspedal drückt und die automobile Freiheit liebt. Für die jungen Leute stehe das nicht mehr im Vordergrund, glaubt Schneck. Vor allem in grossen Städten machten viele nicht mal mehr die Fahrprüfung, weil sie sich nur noch mit dem ÖV ­bewegten. «Mobilität nehmen diese jungen Leute gar nicht mehr wahr, sie steigen einfach ein und fahren von A nach B. Wenn die Infrastruktur und der Komfort stimmen, ist das Fahren nur noch eine Dienstleistung», sagt Schneck.

Dafür allerdings müsse der öffentliche Verkehr die letzte Meile vor dem Haus erobern. Der Bus muss bis vor die Haustüre kommen. Und da kommen jetzt die autonomen Kleinbusse ins Spiel. «Diese werden die Bus­linien mit den grossen Fahrzeugen ergänzen», sagt Bruno Schwager, Direktor der Schaffhauser Verkehrsbetriebe. Diese spannen zusammen mit der Firma Trapeze und machen Neuhausen am Rheinfall zum ersten Standort in der Schweiz, in der ein selbstfahrender Bus in ein städtisches Leitsystem eingebunden wird. Zwar fährt dieser Bus auch schon in einem Pilotprojekt in Sion. Doch das sei mehr eine Marketing­geschichte, da fahre der Bus einfach auf einer festgelegten Strecke. In Schaffhausen aber soll er Teil des ÖV-Netzes werden.

Vorerst noch auf einer Teststrecke

Bis der selbstfahrende Bus auf dem Fahrplan erscheint, sind noch einige Fragen zu klären. Was, wenn Passagiere randalieren oder tot umfallen? Wenn ein Ast vor dem Fahrzeug liegt, der den Bus stoppen lässt? Heute steigt der Busfahrer aus, räumt den Ast beiseite und fährt weiter. Das wird dem autonomen Bus nicht gelingen. Schneck spricht von einer Einsatztruppe für Notfälle, die bereit sein müsse. Aber diese Fragen würden nun im «ÖV-Lab» geklärt. Alle möglichen Verkehrs­systeme werden getestet, auch von anderen Herstellern.

In Neuhausen sind vier Phasen geplant. In der ersten wird auf dem privaten Firmengelände ­herumgefahren, in der zweiten geht die Fahrt bis zum Rheinfall und soll die 1,4 Millionen Touristen erfreuen, die jährlich anreisen. In der dritten Phase wird der selbstfahrende Bus in den Linienverkehr, in die Linie 12, eingebunden – vom Stadtzentrum bis zum Rheinfall. Da ist allerdings immer noch ein Mensch an Bord, der zwar nicht steuert, aber kontrolliert. In der vierten und letzten Phase geht es darum, eine echte Anbindung an das ganze Verkehrssystem zu erreichen. Die kleinen Busse fahren dann an die entlegensten Orte vor die Haustüren der Bürger. Ohne Fahr­personal.

Werden die Busfahrer arbeitslos?

Da kann man sich fragen, was denn dafür spricht, den Buschauffeur arbeitslos zu machen? Da widerspricht Schwager von den Verkehrsbetrieben heftig. In den grossen Bussen würden weiterhin Chauffeure fahren. «Wir können so Strecken erschliessen, die sonst zu teuer sind», sagt Schwager. Die Busse und Leit­systeme müssten gewartet werden, das gebe neue Arbeit. Es gehe darum, den Kunden so günstig wie möglich auf der letzten Meile abzuholen. Das bestehende Angebot werde durch autonome Fahrzeuge ideal ergänzt.

Technologisch sei man schon sehr weit. «Die Ingenieure haben Lösungen erarbeitet», sagt Schneck. «Im Labor funktioniert alles. Hier im ÖV-Lab können wir nun testen, ob das auch bei Wind, Schnee und Eis geht. Wir können sehen, wie sich die Passagiere in einem Bus ohne Fahrer fühlen», sagt Müller. Nun müssten die ­Behörden noch die Regulierung ­lockern, ergänzt Schneck. Denn noch sind Autos ohne Chauffeur nicht erlaubt.

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