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AUTISMUS: Rauchmelder im Kopf

Bei immer mehr Kindern und Erwachsenen wird Autismus diagnostiziert. Wie sehen diese Menschen die Welt? Was hilft ihnen? Matthias Huber weiss es, er ist Psychologe und hat selbst das Asperger-Syndrom.
Katja Fischer De Santi
Nicht von dieser Welt: Autistische Kinder brauchen viel Zuwendung. (Bild: Fran Polito (Moment RF))

Nicht von dieser Welt: Autistische Kinder brauchen viel Zuwendung. (Bild: Fran Polito (Moment RF))

Matthias Huber spricht druckreif. Fast ohne Punkt und Komma. Präzise. Zumindest so lang es um sein Spezialgebiet geht. Kommen prsönliche Fragen stockt er. Lieber als in das Gesicht seines Gegenübers schaut er auf die Tischplatte, streicht immer wieder über die feine Maserung. Das beruhigt ihn, wie auch gedämpftes Licht, geschlossene Vorhänge. Matthias Huber ist Autist mit der Ausprägung Asperger-Syndrom. Bis Mitte 80er-Jahre war die Störung kaum bekannt. Heute geht man von rund 80'000 Betroffenen allein in der Schweiz aus. Dass Matthias Huber Psychologie studieren konnte, ist seiner Hochbegabung und Disziplin zu verdanken. Und einigen Leuten, die seine grossen Ressourcen erkannten. Heute ist sein Spezialgebiet der Autismus.

Matthias Huber, viele Asperger-Betroffene haben ein Spezialgebiet, welches ist Ihres?
Früher waren es Rauchmelder. Ich konnte die verschiedenen Modelle genau unterscheiden. Diese Angewohnheit half mir, mich in einem Raum zu orientieren. Ich interessierte mich aber auch sehr für Pläne und die Körpergrösse von Menschen. Letzteres hilft mir, eine Person wiederzuerkennen, da ich mir Gesichter nicht gut merken kann.

Hatten Sie als Kind Freunde?
Wenige. Ich hatte stets Mühe, mit anderen in Kontakt zu kommen. Aber auch Menschen mit Asperger sehnen sich nach Freunden. Sie sind gerne mit anderen Menschen zusammen. Nur sieht das für die anderen meist nicht danach aus.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Wenn mich ein Schulkollege gefragt hat, ob ich mit ihm spielen möchte, hab ich mich oft weggedreht. Nicht weil ich nicht mitspielen wollte, sondern weil ich Zeit zum Überlegen brauchte und mich nicht von seiner Mimik verwirren lassen wollte.

Warum verwirrt Sie die Mimik anderer?
Ich kann sie nicht richtig lesen, und es sind zu viele Informationen. Ein Mensch drückt seine Freude mal mit Lachen aus, mal anders. Das ist für Menschen im Autismus-Spektrum schwierig. Sie sind oft eingeschränkt im Verstehen von Mimik und Gestik des Gegenübers.

Ist es für viele Autisten darum so schwierig, den Blickkontakt zu halten?
Ja, es sind zu viele Reize auf einmal. Wenn ich einer Person ins Gesicht schauen muss, kann ich kaum ein Wort von dem was sie sagt, aufnehmen. Wenn ich mich leicht abdrehe, fällt mir das Zuhören leichter. Leider wird dies von vielen Menschen als unhöflich empfunden.

Eltern von autistischen Kindern berichten oft davon, dass ihre Kinder von Fremden als unhöflich, ja frech wahrgenommen werden.
Ja, das ist ein Problem. Autistische Kinder kann man zum Beispiel nicht dazu zwingen, Dankbarkeit zu zeigen, wenn sie ein Geschenk bekommen haben. Auch Begrüssungsrituale sind für sie eine grosse Anstrengung. Da hilft nur Verständnis und Aufklärung.

Was bereitete Ihnen in Ihrer Schulzeit, die sie ohne gestellte Asperger-Diagnose erlebten, Mühe?
Sehr vieles, ich redete kaum. Fragen beantwortete ich nur, wenn ich die Antwort zu 100 Prozent wusste. So antwortete ich oft erst, wenn das Thema schon vorbei war. Obwohl ich schon im Kindergarten lesen und schreiben konnte, behielt man mich ein Jahr zurück, weil ich als sozial zurückgezogen galt. Das hat rückblickend nicht viel gebracht.

Wie war es für Ihre Eltern?
Für meine Eltern war meine Schulzeit sicher nicht leicht. Da ich keine offizielle Diagnose hatte, wurde die Ursache für meine Andersartigkeit bei ihnen gesucht. Es wurde vermutet, dass sie zu streng mit mir seien, oder dass ich ein traumatisches Erlebnis hatte. Beides war überhaupt nicht der Fall.

Wurden Sie wegen Ihrer Andersartigkeit gehänselt?
Ja. Ich wurde angespuckt und geschlagen. Ich möchte nicht sagen, dass alle Kinder das mit böser Absicht getan haben. Es wäre wichtig gewesen, ihnen zu erklären, warum ich mich so verhalten habe. Das ist heute besser. Aber ich lerne in meiner Arbeit immer wieder Kinder kennen, die massiv geplagt werden.

Wie veränderte die Diagnose, die Sie erst sehr spät bekamen, Ihr Leben?
Es war eine grosse Erleichterung. Eine Legitimation für meine Andersartigkeit. Ich realisierte, ich kann so sein, wie ich bin, weil es andere gibt, die auch so sind wie ich. Ich realisierte aber auch, dass der Alltag nicht für alle Menschen derart anstrengend ist wie für mich.

Sie haben studiert, beraten heute Eltern und Kinder, treten öffentlich auf. Wie haben Sie gelernt, sich der Welt der Nicht-Autisten so gut anzupassen?
Durch jahreslanges Training. Aber es strengt mich immer noch enorm an, auch dieses Interview. Während Sie einfach reden, muss ich dauernd daran denken, meine Stimme nicht zu monoton klingen zu lassen. Muss mich erinnern, nicht zu schnell zu sprechen, bei einem Witz zu lachen, auch mal die Hände zu bewegen. Es ist wie wenn ich einer fremden Sprache sprechen müsste.

Sie beraten autistische Kinder und deren Eltern, verstehen Sie sich als Übersetzer?
Ja, für mich ist es einfacher, Autisten zu verstehen, da ich eine ähnliche Art habe, wie ich die Welt betrachte. Autisten sind Detailmenschen – sowohl im Denken wie auch in der Wahrnehmung. Ein Dialog mit genauen Fragen ist für sie interessant, verstehbarer und sie können besser antworten.

Zur Person

Matthias Huber, 49, ist Psychologe. Er arbeitet seit zwölf Jahren an der Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der UPD Bern. Sein Spezialgebiet ist Autismus/Asperger. Er bietet Sprechstunden für Eltern und Kinder an. (kaf)

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