Austern und Lumpen am Grand Central

Morgen wird der grösste Bahnhof der Welt 100jährig. Bis zu einer Million Menschen betreten den Grand Central in New York täglich. Nachdem er vor 40 Jahren fast abgerissen worden wäre, ist der Bahnhof mittlerweile zu einem Tummelplatz der Schönen und Reichen geworden.

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Die grosse Haupthalle ist das Prunkstück des New Yorker Bahnhofs. (Bild: ap/Kathy Willens)

Die grosse Haupthalle ist das Prunkstück des New Yorker Bahnhofs. (Bild: ap/Kathy Willens)

Das Ächzen der sich öffnenden Zugtüren ist wie der Startschuss zu einem Marathonlauf. Innerhalb einer Sekunde ist der Bahnsteig 119 schwarz vor Menschen, die im Laufschritt die Rampe zur grossen Haupthalle hinauf hasten. Wenn ihre Schuhspitzen erstmals den Boden von Manhattan berühren, nehmen die Vorstadtpendler den hektischen Rhythmus der Stadt auf, werden Teil eines Strudels, der wie eine Zentrifuge täglich rund eine Million Menschen vom Grand Central in die Strassen New Yorks schleudert. Nirgends sind der Takt und die Energie von Manhattan so unmittelbar zu spüren wie morgens um acht am Grand Central – jene Energie, die Manhattan so berauschend und so überwältigend macht.

Jeder Schritt, jeder Handgriff sitzt hier im Berufsverkehr. So entsteht wie durch ein Wunder an den Drehkreuzen zu den U-Bahn-Gleisen kein Stau, obwohl pro Minute Tausende hier durchkommen. Der New Yorker navigiert so vorausschauend und präzise durch dieses Nadelöhr, dass er niemandem in die Quere kommt.

Vor 20 Jahren ein schmuddeliges Asyl

Erst als gegen zehn Uhr am Vormittag der Menschenstrom abebbt, ist es möglich, innezuhalten und die ganze Pracht des Beaux-Arts-Baus, der am Samstag 100 Jahre alt wird, auf sich wirken zu lassen. Aus 20 Meter hohen Bogenfenstern fällt schräg das Licht auf den polierten Sandsteinboden, der sich tausend Quadratmeter weit ausbreitet. Die Ticketschalter an der Nordseite sind mit verschnörkelten Messinggittern verziert, und über dem Pavillon in der Hallenmitte thront die berühmte vierblättrige Uhr aus Opalglas, deren Wert auf 20 Millionen Dollar geschätzt wird. Die Gleise, zu denen niedrige Rundbögen führen, sind tief unter der Erde versteckt.

Es ist kaum zu fassen, dass noch vor 20 Jahren Grand Central ein heruntergekommenes, schmuddeliges Asyl für Obdachlose und Drogenabhängige war. Das Schrumpfen des Bahnverkehrs zugunsten von Flugzeug und Automobil hatte die Instandhaltung des einstigen Palastes des modernen Fernverkehrs mit seinen 67 Bahnsteigen nach dem Krieg immer schwieriger gemacht. Die Finanzkrise der Stadt New York tat ihr Übriges. Ende der 60er-Jahre drohte dem Prachtbahnhof der Abriss. Doch eine Bürgervereinigung unter der Führung von Jackie Onassis stemmte sich dagegen und klagte vor dem Obersten Gerichtshof erfolgreich den Denkmalschutz für das Gebäude ein. Mitte der 1990er-Jahre, als die Stadt in Geld schwamm, restaurierte die Bahngesellschaft MTA das Gebäude für 250 Millionen. Die Mittel aufzubringen, war nicht schwer. Schliesslich bedient der Bahnhof vor allem Pendler aus den wohlhabenden Vororten von Westchester County. So ist Grand Central heute ein Palast, dessen Prunk die ganze Macht der Wirtschaftsmetropole New York ausstrahlt.

Austern und Champagner

Zwischen der Haupthalle und der Lexington Avenue werden die Auslagen des Grand Central Market, einer der vornehmsten Lebensmittelmärkte der Stadt, auf den Ansturm zur Mittagspause hergerichtet. Unmengen von Forellen aus Idaho und Lachsen aus Alaska, Schinken aus Tirol, Pecorino und Olivenöl aus der Toscana und Champagner aus der Champagne warten appetitlich ausgestellt.

Links führt ein schmaler Gang noch tiefer in das Innere des Bahnhofs zu einem weiteren Gewölbe, das sich plötzlich überraschend vor einem auftut. Durch den Saal von der Grösse eines Münchner Bierkellers schlängelt sich die endlos lange Theke der Oyster Bar. Dutzende von Austernsorten warten dort auf Eis in Holzkisten darauf, bei einem Champagner oder einem Martini zum Abschluss eines Multimillionen-Dollar-Geschäfts oder auch nur zu einem raschen Rendez-vous geschlürft zu werden.

Soziale Probleme sind sichtbar

Ganz vermag jedoch auch der neue, auf Hochglanz polierte Prachtbahnhof nicht die sozialen Realitäten der Stadt zu verschleiern. Auf den Stühlen in der Wartehalle im Tiefgeschoss sitzen an einem kalten Wintertag zusammengekauerte Gestalten, die ihr Hab und Gut in Plastiktüten mit sich schleppen, und wärmen sich auf. Am Rande der Haupthalle stehen Männer in Lumpen an die Theke von geschlossenen Ticketschaltern gelehnt und tun so als läsen sie Zeitung. So lange sie sich nicht auf dem Boden breit machen oder betteln, so lange sie das Bild nicht stören und niemanden belästigen, lässt man sie in Ruhe.

Sebastian Moll, New York

An der 42. Strasse mitten in Manhattan liegt der weltberühmte Bahnhof. (Bild: fotolia)

An der 42. Strasse mitten in Manhattan liegt der weltberühmte Bahnhof. (Bild: fotolia)

In Sekundenschnelle füllen sich die Bahnsteige. (Bild: ap/Kathy Willens)

In Sekundenschnelle füllen sich die Bahnsteige. (Bild: ap/Kathy Willens)

Mythologische Figuren schmücken die Fassade des Gebäudes. (Bild: ap/Kathy Willens)

Mythologische Figuren schmücken die Fassade des Gebäudes. (Bild: ap/Kathy Willens)