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AUSSTELLUNG: Stoffe wie Haut und Beton

Technische Textilien können in allen Lebensbereichen eingesetzt werden. Solche faserbasierten Werkstoffe sind immer öfter in der Medizin, im Autobau und in der Architektur zu finden. Der Zukunftsmarkt für die Schweizer Textilbranche.
Bruno Knellwolf
Auch der Modedesigner Akris nutzt technische Textilien: mit LED. (Bild: Jil Lohse)

Auch der Modedesigner Akris nutzt technische Textilien: mit LED. (Bild: Jil Lohse)

Bruno Knellwolf

bruno.knellwolf@tagblatt.ch

Textilien? Da denkt man zuerst an feinen Stoff für Hemd und Bluse, Rock und Hose. Heute haben Textilien allerdings weit mehr als nur ästhetische und anziehende Funktionen. Technische Textilien sind heute die Hoffnung der Branche, ihr Zukunftsmarkt, wie Peter Flückiger, Direktor Swiss Textiles, erklärt. «Die technischen Textilien machen im Schweizer Markt rund die Hälfte aus. Dieser hat sich in den letzten Jahren stark vermehrt und ist besonders in der Schweiz sehr wichtig», sagt Flückiger im Textil­museum St. Gallen, wo heute die Ausstellung «Neue Stoffe – New Stuff» eröffnet wird.

Sitze und Tische aus Textilbeton

«Wir sind im Alltag von viel mehr Textilien umgeben, als uns bewusst ist», sagt Kurator Michael Fehr aus Berlin. «Technische Textilien in funktionalem Sinne gibt es in allen Lebensbereichen». In der Ausstellung ist das zu spüren und zu fühlen – Sitze, Hocker, Tische, Stützen und Ablagen für die Ausstellungsobjekte sind aus Textilbeton gemacht. Ein 13 Millimeter dünnes Gewebe, das hart wie Beton ist, aber beinahe so filigran wie ein Kleidungsstück. Die Idee stammt aus England, produziert wurde dieser Textilbeton von einer Rheintaler Firma.

Die Funktion steht über ­allem. Das ist allerdings nichts Neues. Der Kurator führt an Nomadenzelten vorbei, an Seilen für historische Matterhorn-Besteigungen, an Zeppelin-Häuten, Fallschirmen und an einem Trabant. Das DDR-Auto musste billig und leicht sein, statt Blech wurde das Auto in den 1950er-Jahren aus der Not heraus aus Baumwolle und Harz gebaut.

Naturfasern wurden so funktional eingesetzt. «Diese haben eine natürlich begrenzte Länge. Kunstfasern können dagegen unendlich lang gezogen werden», sagt Fehr. So werden faserbasierte Werkstoffe, die mit textilen Techniken und Verfahren zu technischen Textilien verarbeitet werden nicht nur in vielen Bereichen eingesetzt, sondern ergeben sogar neue Stoffe mit neuen, überraschenden Eigenschaften. Eingesetzt werden technische Textilien oft in der Medizin, im Automobilbau sowie in der Umwelt. Davon sind im Textilmuseum eindrückliche Beispiele zu sehen – aus der Grundlagenforschung sowie auch von konkreten Anwendungen. Zum Beispiel der künstliche Uterus für Frühgeborene. Das Frühchen erhält darin Reize, dank deren es sich och beinahe wie im Mutterbauch fühlt.

«Faserbasierte Werkstoffe werden immer mehr im menschlichen Körper eingebaut, in dem sie sich, nachdem sie ihren Zweck erfüllt haben, von selbst wieder auflösen», sagt Fehr. Karbon reagiert wie ein Knochen und wird deshalb immer häufiger zum menschlichen Ersatzteillager. Der Beispiele medizinischer Anwendung sind noch viele: Als Stent für Herzoperationen, als Kühlweste für MS-Patienten, als Exoskelett für Beinamputierte. Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, tragen einen Hightech-Handschuh, der im richtigen Moment das Hirn stimulieren kann. Die Direktorin des Textilmuseums, Michaela Reichel, zeigt schliesslich ihr Lieblingsstück in der Ausstellung: einen Sicherheitsgurt, den die Schweizer Firma Cortex für die Formel-1 entwickelt hat. Dieser ist derart reissfest und leicht, dass er auch in der Raumfahrt verwendet wird. «Denn jedes Kilogramm auf einem Flug ins All kostet 50000 Dollar. Mit diesen Schweizer Bändern werden bei einem Raumflug 1,5 Millionen Dollar eingespart», sagt Reichel.

Viele Kombinationen möglich

Faserbasierte Werkstoffe sind wegen ihres geringen Gewichts, ihrer hohen Stabilität und grossen Flexibilität auch in Kombination mit anderen Materialien universell einsetzbar. Das Chassis des Elektrofahrzeugs ist aus Karbon, «der allerdings nicht rezykliert werden kann», sagt Fehr. Ein textiler Nebelfänger macht Nebel in Wüstengebieten zu Wasser, mit Textilien werden Hänge und Dämme befestigt, was in Zeiten der Permafrosterwärmung ebenfalls ein Zukunftsmarkt ist.

«Die Forschung versucht die Natur nachzuahmen. Es gibt ­keine effizienteren Strukturen, als die Natur anzubieten hat», sagt Fehr. Die Empa, eine der führenden Forschungsinstitutionen in diesem Bereich, versucht nun sogar ein textiles Herz zu entwickeln, das eines Tages die Spenderherzen komplett ersetzen soll.

«Neue Stoffe», Textilmuseum St. Gallen, 23. August 2017 bis 2. April 2018

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