AUSSTELLUNG: Die Ur-Italiener

Lange vor den Römern haben die Etrusker die erste grosse Zivilisation Italiens geschaffen. Eine offene, lustvolle Gesellschaft, die Wein und Prostituierte liebte. Und schliesslich von den Römern einverleibt wurde.

Bruno Knellwolf
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Der Griff eines runden Gefässes (Ciste) aus Bronze, 4. Jhd. v. Chr., mit nackten Athleten. (Bild: PD)

Der Griff eines runden Gefässes (Ciste) aus Bronze, 4. Jhd. v. Chr., mit nackten Athleten. (Bild: PD)

Bruno Knellwolf

bruno.knellwolf@tagblatt.ch

Etrusker? Da war doch was, denken nun viele, die ihre Ferien schon des öfteren in der Toscana verbracht haben. Eine Sehenswürdigkeit, ein Souvenir vielleicht, welche etruskische Erinnerungen auslösen. «Die Etrusker stehen seit 2000 Jahren im Schatten der römischen Kultur», sagt Werner Rutishauser, Kurator am Museum Allerheiligen in Schaffhausen. «Im Norden Europas ist diese Hochkultur zu wenig bekannt und mit Etiketten versehen: geheimnisvoll, mythisch und lustvoll».

Die letzte grosse, nationale Ausstellung in der Schweiz war in Zürich im Jahr 1955 zu sehen. Also höchste Zeit, die Etrusker wieder einmal ins Schaufenster zu stellen, denn gerade in letzter Zeit habe die Forschung grosse Fortschritte gemacht, sagt Rutishauser. Die Etrusker haben das antike Italien über weite Strecken des ersten Jahrtausends vor Christus geprägt. Ihre Kernregion lag in Mittelitalien zwischen Arno und Tiber und war überaus fruchtbar und reich an Metallvorkommen. «Eine eigentliche Hauptstadt gab es nicht. Vielmehr verteilte sich diese auf zwölf wichtige Städte», erklärt Rutishauser.

Von der Po-Ebene bis nach Kampanien

Forschte man früher hauptsächlich mit entdeckten Gräbern wird jetzt auch mit Erfolg nach Siedlungen gegraben, welche Geheimnisse der Etrusker preisgeben. Als Rom noch eine unbedeutende Siedlung war, erweiterten die Etrusker ihren Machtbereich allmählich. Sie dehnten sich im Norden bis in die Po-Ebene aus und im Süden bis nach Kampanien. Von den Römern wurden sie Tusci genannt, eine Name der im heutigen Begriff Toscana fortlebt. Die reichen Bodenschätze in ihrer Kernregion sowie auf der Insel Elba bildeten die Basis für Aufschwung und Reichtum der ersten Hochkultur Italiens. Ab dem späten 8. Jahrhundert v. Chr. betrieben die Etrusker einen grossen Fernhandel und waren neben den Griechen und Phöniziern die dritte grosse Handelsmacht im Mittelmeergebiet.

Lange habe man darüber gestritten, woher die Etrusker ursprünglich stammten. Der Grieche Herodot sagte, die Etrukser kämen aus Lydien an der kleinasiatischen Westküste. Die archäologischen Zeugnisse zeigen nun aber deutlich, dass die Etrusker wirkliche Ur-Italiener sind. «Es gibt eine hohe Kontinuität ihrer Siedlungen in Mittelitalien. Die Menschen aus Villanova bei Bologna werden als erste Etrusker bezeichnet», sagt Rutishauser. Unter der Zuwanderung ist das Volk der Etrusker über zwei Jahrhunderte gewachsen und mit einem Kulturtransfer aus dem Osten bereichert worden, der sich in der Kunst der Etrusker zeigt. Das hat Herodot wohl auf die falsche Spur geführt.

So stieg die Seemacht parallel zu den Griechen auf und hatte ihre eigenen Rituale, «über die sich die Griechen allerdings den Mund zerrissen», wie Rutishauser erzählt. Die Etrusker waren eine sehr offene, lustvolle Gesellschaft, liebten Bankette und den Wein. Dazu luden die Etrusker nicht nur ihre Ehefrauen ein, sondern auch Prostituierte, die sich ebenfalls am Wein verlustieren durften. Ob dieser Frivolität ärgerten sich die Griechen, auch weil die etruskischen Frauen Sport treiben durften. Ein Tabu in Griechenland. «Historiker haben geschrieben, bei den Etruskern habe das Matriarchat geherrscht. Das ist übertrieben, aber im Gegensatz zu den Römerinnen und Griechinnen durften die Etruskerinnen einen eigenen Namen führen, Besitz haben und sich mehr am gesellschaftlichen Leben beteiligen», sagt Werner Rutishauser.

Langsames Ende nach verlorener Seeschlacht

Mit Gold und Silber wurde der Reichtum der Etrukser dargestellt. Doch die Niederlage in einer Seeschlacht gegen die Syrakusaner 474 v. Chr. stand am Anfang des langsamen Niedergangs der Etrusker. «Darauf wurde die Etrusker romanisiert», sagt der Museumskurator, also einverleibt ins grosse römische Weltreich. Mit der Eingliederung der etruskischen Kerngebiete in die römische Verwaltung 27 v. Chr. als «regio VII Etruria» verschwand das einst mächtige Volk im Schatten Roms.

Das Museum Allerheiligen zeigt die vielfältige Hochkultur auf 750 Quadratmeter Ausstellungsfläche in vielen Perspektiven. Die rund 250 Exponate, Schmuck, Vasen und Skulpturen stammen mehrheitlich aus der museumseigenen Sammlung – rund vierzig Leihgaben aus anderen Schweizer Museen sowie aus Dänemark und Deutschland.

Etrusker: Antike Hochkultur im Schatten Roms, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, bis 4. Februar 2018