Aussätzige und Barmherzige

Zuerst macht Ebola Angst und rafft Tausende dahin, jetzt ist die Grippe da: Niemals ist die Menschheit sicher vor ansteckenden Krankheiten. Allerdings ist sie auch nicht mehr so wehrlos wie früher. Ein Blick zurück.

Rolf App
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Gemächlich hat sich die Cholera auf den Weg gemacht. Drei bis vier Jahre braucht sie, bis ihre Erreger, den Menschen, den Verkehrswegen und vor allem dem Wasser folgend, sich vom Gangesdelta bis an die russische Grenze vorgearbeitet haben. Die Russen sind gewarnt, sie errichten Militärkordons und sichern die Grenze. Vergeblich. Sobald die Seuche dichter besiedelte Regionen erreicht, beschleunigt sich auch ihr Ausbreitungstempo. «Es war wie mit der Hydra, bei der nach jedem abgeschlagenen Haupte neun neue nachwachsen», stellen zwei Ärzte fest.

Mit den Truppen gen Westen

Im September 1830 ist Moskau erreicht, jetzt breitet sich die Cholera rasch über ganz Russland aus und über Polen. Es ist Krieg, das russische Heer bringt die Krankheit nach Westen. Weit mehr Menschen werden an ihr sterben als in den Kriegszügen. Im Oktober 1831 macht die Cholera Station in Hamburg, von dort wird sie nach London übersetzen – und wieder zurückkehren, über Calais nach Paris.

Das veilchenblaue Gesicht

Dort ist gerade Karneval. Dort wohnt der deutsche Dichter Heinrich Heine. Er beobachtet, was jetzt geschieht. «Man hatte hier jener Pestilenz umso sorgloser entgegengesehen, da aus London die Nachricht eingetroffen war, dass sie verhältnismässig nur wenige hingerafft hätte», berichtet er für die «Augsburger Allgemeine Zeitung». Das Wetter ist sonnig und lieblich, in den Kostümen karikieren Einzelne sogar die Cholera.

Mehr Menschen als sonst besuchen die Bälle, und dort geschieht es denn auch: «Man erhitzte sich beim Chahut, einem sehr zweideutigen Tanze, als plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu grosse Kühle in den Beinen verspürte und die Maske abnahm und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorschein kam.»

Die Menschen merken rasch, dass es kein Spass ist. Mehrere Wagen fahren direkt zum Hôtel-Dieu, dem Zentralkrankenhaus, wo ihre Passagiere noch in den Karnevalskostümen sterben. «Da man in der ersten Bestürzung an Ansteckung glaubte und die älteren Gäste des Hôtel-Dieu ein grässliches Angstgeschrei erhoben, so sind jene Toten, wie man sagt, so schnell beerdigt worden, dass man ihnen nicht einmal die buntscheckigen Narrenkleider auszog, und lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig zu Grabe.»

Ja, es kann rasch gehen. Im Falle der Cholera sogar sehr rasch. Zwei bis fünf Tage, und es ist vorbei. Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Cholera, vor ihr haben die Pocken gewütet, im Mittelalter die Pest.

Die Geschichte der Ausgrenzung

Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Seuchen, die sie heimsuchen. Und eine Geschichte der Irrtümer, aus denen heraus die Menschen oft genau das Falsche tun. Schliesslich: Es ist eine Geschichte oft brutaler Ausgrenzung. Das lässt sich nirgends so erschütternd beobachten wie bei jener Krankheit, deren Spur man schon in den ältesten Höhlen findet: der Lepra, an der nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation noch mindestens 15 Millionen Menschen leiden. Und die mit ihren Verstümmelungen die Menschen aller Zeiten zutiefst erschreckt.

«Von Gott geschlagen werden»

Im Alten Testament spricht der Herr zu Mose und Aaron: Wenn sich auf der Haut eines Menschen Schwellungen bilden, dann soll man ihn zum Priester Aaron bringen. Ist das Haar an der betreffenden Stelle weiss, und liegt die Haut tiefer, dann soll er ihn für unrein erklären. «Der Aussätzige soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungepflegt lassen; er soll ausrufen: Unrein! Unrein! Er soll abgesondert wohnen.»

Das hebräische «zara'a», das mit «aussätzig werden» übersetzt wird, hat ursprünglich die Bedeutung «von Gott geschlagen werden». Seine Opfer bieten einen derartigen Anblick, dass der in Syrien tätige Aretaios fragt: «Wer möchte vor solcher Krankheit nicht fliehen? Viele setzen die Kranken, auch wenn sie dieselben vorher zärtlich liebten, in Einöden und Gebirgen aus und gewähren ihnen nur das Nötigste zum Leben oder lassen sie gar absichtlich sterben.» Dass die Lepra gar nicht so ansteckend ist: Man weiss es nicht.

Die irrsinnigsten Heilmittel werden empfohlen – woran sich bis heute nichts geändert hat. Aberglauben der gefährlicheren Sorte grassiert. Dass die Lepra die Folge der Unzucht mit einer menstruierenden Frau sei. Oder dass das Blut unschuldiger Wesen, eines Kindes oder einer Jungfrau die Krankheit heilen könne. So stellt die Lepra den Menschen auch ethisch auf eine Probe, die er nicht immer besteht. Manchmal aber doch.

Eine der schönsten Geschichten des Mittelalters rankt sich um die heilige Elisabeth, die sich als Frau des Landgrafen von Thüringen in rührender Weise der Aussätzigen annimmt.

Der Aussätzige in seinem Bett

Ohne seine Einwilligung legt sie in dessen Bett einmal einen Aussätzigen. Doch als der Landgraf herantritt, findet er: ein Kruzifix. Es erinnert ihn an das Wort Christi: «Wahrlich, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.»

Bild: Quelle: WHO, Grafik: sgt

Bild: Quelle: WHO, Grafik: sgt

Honoré Daumier: Cholera in Paris.

Honoré Daumier: Cholera in Paris.

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