Auschwitz – was ist das?

Der Anwalt Johann Radmann stösst im Film auf ein «Labyrinth des Schweigens», als er die Verantwortlichen des Konzentrationslagers vor Gericht stellen will. Denn Ende der 50er-Jahre wollen alle lieber vergessen als sich erinnern.

Valeria Heintges
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Noch schweigen die Akten, aber Rechtsanwalt Johann Radmann wird sie zum Reden bringen. (Bild: pd/Universal)

Noch schweigen die Akten, aber Rechtsanwalt Johann Radmann wird sie zum Reden bringen. (Bild: pd/Universal)

Fröhlich singen die Kinder in der Schule. «Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das unsre weit und breit.» Anders herum wäre es richtig, denn es gibt Ende der 50er-Jahre viele schönere Länder als die Bundesrepublik Deutschland. Sehr ironisch also lässt Giulio Ricciarelli seinen Film «Im Labyrinth des Schweigens» beginnen. Wenige Minuten später erkennt der vorbeigehende Jude Simon Kirsch in dem Lehrer auf dem Frankfurter Schulhof seinen Peiniger aus dem Konzentrationslager Auschwitz wieder.

Journalist hilft, Justiz schweigt

Empört will der mit Kirsch befreundete Journalist Thomas Gnielka, der bei der «Frankfurter Rundschau» arbeitet, den Lehrer anklagen. Doch die Anwälte denken nicht daran zu handeln. Ende der 50er-Jahre ist die junge Bundesrepublik Deutschland viel mehr mit Wirtschaftswunder und Vergessen beschäftigt als damit, die Vergehen der Vergangenheit aufzuarbeiten.

Der junge Anwalt Johann Radmann wittert eine Möglichkeit, aus seinem ungeliebten Arbeitsfeld der Verkehrsdelikte auszubrechen und nimmt mit Gnielka Kontakt auf. Auf welches Minenfeld er sich begibt, weiss er nicht, denn auch er weiss nicht, was in Auschwitz passierte. Doch er kann recherchieren, ist ehrgeizig und hat seine Prinzipien. Und er wird gestützt von Fritz Bauer – der ist hessischer Generalstaatsanwalt und als Jude sehr daran interessiert, dass die Schuldigen vor Gericht kommen.

Fritz Bauer hat es wirklich gegeben, er hat es zusammen mit drei Staatsanwälten geschafft, dass in Frankfurt die 20 Monate dauernden Auschwitzer Prozesse stattfanden, mit denen in der Bundesrepublik endlich die Aufarbeitung der Kriegsverbrechen begann. Ricciarelli mixt Fakten und Fiktion so gekonnt zusammen, dass ihm nicht nur ein stimmiger, gut unterhaltender Film, sondern auch ein Blick in die Vergangenheit gelingt. Wenn er in die Aussage mündet, jeder Einzelne sei für das richtige Handeln verantwortlich, findet er auch zu praktischer Relevanz für die Gegenwart.

Anwalt Radmann, den Alexander Fehling höchst souverän verkörpert, droht an dem Ballast des Grauens in Auschwitz zu zerbrechen. Gleichzeitig muss er erfahren, dass auch sein eigener Vater keine weisse Weste hat. Als ihn sein direkter Chef, Oberstaatsanwalt Walter Friedberg (Robert Hunger-Bühler) fragt: «Wollen Sie, dass sich jeder junge Mensch in diesem Land fragt, ob sein Vater ein Mörder war?», weiss er also genau, was er sagt, als er mit «Ja» antwortet. Figuren wie dieser Oberstaatsanwalt, der die Argumente der Gegenseite vorbringt, warum es besser wäre, über die Vergangenheit zu schweigen, verleihen dem Film hohe Authentizität.

Grossartige Schauspieler

Zudem steht Ricciarelli eine Riege grossartiger Akteure zur Verfügung. Neben Fehling und Hunger-Bühler ist da vor allem Gert Voss zu nennen. Der grosse Theaterstar hat in seinem Leben leider nur wenige Filme gedreht – «Labyrinth des Schweigens» war sein letzter. Er verkörpert Fritz Bauer mit einer Mischung aus Sturheit, Verletzlichkeit, Lebensweisheit und Energie, die dem idealistischen Juristen sehr gerecht wird. Er hat, wie der Historiker und Politiker Christoph Stölzl schreibt, «ein ganzes Volk zum Erinnern gezwungen».

Der Film läuft im Kino Rex I in St. Gallen und im Cinewil Wil

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