Aus Mia wird Emilia

Wie soll das Kind heissen? Bestimmt nicht Pumuckl – und doch gibt es auch das: Die deutsche Namenforscherin Mirjam Schmuck über Mode- und andere Namen.

Diana Bula
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Lucca, Nina, Nora: Je unauffälliger der Name, desto einfacher hat das Kind es im Leben. (Bild: Donato Caspari)

Lucca, Nina, Nora: Je unauffälliger der Name, desto einfacher hat das Kind es im Leben. (Bild: Donato Caspari)

Die Berner SVP schlägt Albert Rösti für den Bundesrat vor. Ein Politiker, der wie ein Nationalgericht heisst, ist das problematisch?

Mirjam Schmuck: Letztlich kommt es auf seine Qualitäten und nicht auf seinen Namen an. Aber heisst man wie ein Nationalgericht, so ist der Name für Spott prädestiniert. Namen eignen sich für bissige Scherze, weil Namen wie eine zweite Haut sind. Man greift jemanden zwar nicht direkt an, trifft ihn aber dennoch. Deshalb lassen sich Kinder auch gerne mal Reime zu Namen einfallen, um andere zu hänseln. Es gibt viele Menschen, die unter ihrem Namen leiden.

Weshalb zum Beispiel?

Schmuck: Im Ruhrgebiet wurden früher slawische Arbeiter angeheuert. Nachnamen mit der Endung -ski sind noch heute stigmatisiert. Sie stehen in vielen Köpfen für bildungsferne Schichten. Viele Menschen haben deshalb ihren Nachnamen mit -ski geändert. Sie wollten – gut integriert und ausgebildet – nicht mehr benachteiligt werden. Mit einem unauffälligen, einheimischen Namen hat man es auf dem Arbeitsmarkt definitiv leichter. Und nicht nur dort, auch bei der Wohnungssuche.

Auch aufgrund der Vornamen machen manche Rückschlüsse auf Menschen. Gemäss einer Umfrage halten Lehrer etwa Kinder namens Kevin für leistungsschwach.

Schmuck: Ja, es gibt auch bei den Vornamen durchaus Namen, die tendenziell eher in bildungsfernen Schichten vorkommen. Das ist tatsächlich erwiesen. Gerade englische Namen wie Kevin, Justin, Mandy und Sandy zählen dazu. Der Name Kevin war wegen des Films «Kevin allein zu Hause» in den 90er-Jahren sehr beliebt und rangierte zu der Zeit in den Toplisten weit oben. Er war damals noch keineswegs mit bildungsferneren Schichten assoziiert. Eine derartige Stigmatisierung, wie sie dann erfolgt ist, ist hochproblematisch.

Und doch passiert sie. Eine Namenforscherin hat kürzlich geraten: «Orientieren Sie sich an den Namen in Arztfamilien. Dann machen Sie nichts falsch.»

Schmuck: Solche Ratschläge spiegeln nur das sogenannte onomastische Wettrennen. Familien aus sozial schwächeren Schichten orientieren sich bei der Suche nach einem Namen für ihr Kind gern nach oben. Das hat sich bis heute nicht geändert. Kaum verbreiten sich diese Namen auch in unteren Schichten, sucht die Oberschicht nach neuen Namen, um sich abzuheben.

Auch der Kino-Effekt tritt noch auf. Zurzeit haben Eltern an Elsa grosse Freude. So heisst die Prinzessin im Disney-Kassenschlager Frozen.

Schmuck: Bei Elsa ist das nicht so tragisch. Das ist ein normaler Rufname, nicht allein auf die Filmfigur reduziert wie Pumuckl. Bei der Namenwahl darf das Kindswohl nicht verletzt werden, das ist gesetzlich festgelegt. Heisst ein Kind wie der TV-Kobold, wird das Kind aber zwangsläufig in eine Rolle gepresst, die dem Kindswohl schadet. Dennoch hat ein deutsches Standesamt den Namen bewilligt. Der Betroffene änderte mit 18 Jahren sofort den Namen.

Manche Eltern wollen nun mal nicht, dass ihr Kind wie viele andere im Dorf heisst…

Schmuck: Viele Eltern halten ihr Kind für einmalig und das soll sich im Namen ausdrücken. Früher nannte man Buben und Mädchen nach verstorbenen Verwandten, meist den Grosseltern. Heute genügt das nicht mehr. Die Namen werden immer individueller. Auf der Suche nach neuen Varianten orientiert man sich an fremden Prestigekulturen, was unser Nameninventar erweitert hat. Doch die Namensuche dient nun auch oft als Ich-Botschaft der Eltern. Das kann zu exotischen Kreationen führen, mit denen man dem Kind nichts Gutes tut.

Tut man ihm auch mit einer Kurzform nichts Gutes? Probanden schätzten Kinder mit Vollnamen als erfolgreicher ein.

Schmuck: Dennoch befinden sich etwa Finn und Max weit vorne in den Namenranglisten. Das zeigt, dass nach wie vor ein ungebrochener Trend zu ein- oder zweisilbigen Namen wie Max, Luca, Mia, Lara besteht. Wir stellen aber bereits eine Gegenbewegung fest – wieder hin zu längeren, traditionelleren Namen. Anstelle von Mia wird wieder Emilia verwendet, Marlene statt Lena. Auch Matilda schnellt derzeit die Ranglisten hoch.

Wie sehr prägt ein Name die Persönlichkeit?

Schmuck: Er wird zumindest zu einem Teil der eigenen Identität. Wenn man tatsächlich unter seinem Namen leidet, sollte man ihn wechseln können. In Schweden ist das einfach möglich. Dort gab es früher zu wenig unterschiedliche Familiennamen. Svensson kam inflationär häufig vor. Der Staat hat deshalb Namenwechsel sogar angekurbelt und Listen mit Vorschlägen ausgegeben. Die Menschen können hieraus nun einen Namen wählen oder neue Namen gestalten.

Nicht nur gleiche Namen, auch Unisex-Namen wie Chris können Verwirrung stiften.

Schmuck: Ja, und trotzdem nehmen sie leicht zu. Ihr Anteil in Deutschland und in der Schweiz ist im Unterschied zu den Niederlanden aber gering. Handelt es sich um Kosenamen, spielt es keine Rolle, wenn das Geschlecht heruntergespielt wird. Man bewegt sich bei dieser Namenverwendung ja in einem vertrauten Kreis, wo man sich kennt. Handelt es sich aber um den richtigen Vornamen, sind solche Namen ungewöhnlich.

Und die Empörung ist gross, wenn man in einem Mail mal Herr statt Frau schreibt?

Schmuck: Und wie. Unisex-Namen sind ebenso irritierend wie eine Person, über deren Geschlechtszugehörigkeit Zweifel aufkommen. Wir haben ein starkes Bedürfnis nach dieser Grobklassifikation. Tatsächlich verfügen gemäss einer Studie, die 60 Kulturen untersucht hat, 75 Prozent davon über getrennte Nameninventare für Männer und Frauen. In Deutschland und in der Schweiz wird die Geschlechtseindeutigkeit auf den Ämtern oft eingefordert, obwohl sie nicht im Namengesetz verankert ist. Deshalb wurde der Antrag eines Elternpaares abgelehnt, das sein Kind Euro taufen wollte. Die Eltern schwenkten deshalb auf Eurone um.

Womit das Kind bestimmt auch nicht glücklich ist. Wie steht es um Sie und Ihren Namen?

Schmuck: Ich bin zufrieden. Das kann man sein, sobald der Name neutral ist und nicht zu infantil klingt. Natürlich hört es sich seltsam an, wenn ein Baby Barbara heisst. Aber man ist nun mal viel länger erwachsen als ein Kleinkind. Lilly hingegen tönt für die Babyphase hübsch. Macht sie aber Karriere als Juristin, passt der Name nicht mehr.

Mirjam Schmuck Namenforscherin an der Universität Mainz (Bild: Thomas Hartmann)

Mirjam Schmuck Namenforscherin an der Universität Mainz (Bild: Thomas Hartmann)