Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Auf dieser Matte ist alles gut

Jeden Tag üben weltweit 300 Millionen Menschen Yoga. Die indische Lebensphilosophie entspricht Entschleunigung, einen trainierten Körper und Heilung von fast allem. Doch längst nicht überall, wo Yoga draufsteht, ist auch Yoga drin.
Katja Fischer De Santi

Und dann endlich Savasana. Der Atem geht immer noch schwer, Schweiss auf der Stirn, jede Zelle ist wach, der Kopf klar. Es ist geschafft. Die Knochen sinken in die Erde, nichts tut weh, die Gedanken lösen sich auf. Alles ist gut, alles ist Yoga.

Yoga für Kinder und Hunde

Yoga ist überall. Wer den Sonnengruss übt oder im Savasana liegt läuft schon lange nicht mehr Gefahr, in die Nähe von Sekten oder esoterischen FKK-Clubs zu geraten. Im Gegenteil die indische Lebensphilosophie ist hip wie nie. Manager versuchen dem drohenden Burn-out beim Mittag-Yoga zu entwischen, die Fussballnationalmannschaft stärkt die mentalen Kräfte im Krieger. Es gibt spezielle Angebote für Schwangere, für Frauen in den Wechseljahren, für Senioren, für Männer, für Kinder, für Dicke und für Hunde.

Eine Tausende Jahre alte, indische Lehre von der Vereinigung von Körper und Geist ist zum Allerheilmittel gegen den galoppierenden Zeitgeist geworden.

Es fehlt diesen dünnen Frauen

In der Schweiz dürften es rund 400 000 sein, die sich wöchentlich auf ihren dünnen Matten beugen, dehnen, strecken und schwitzen, um wenigstens ein bisschen loslassen zu können. «All diese weissen, dünnen, schönen Frauen, die ich in meinen Klassen sehe, spüren, dass ihnen etwas fehlt, dass sie nicht genügen, und sie hoffen, dass sie es auf diesen Matten finden», schreibt die Berliner Yoga-Lehrerin und Journalistin Kristin Rübesamen. Denn je gestresster, effizienter eine Gesellschaft sich gebe, desto fruchtbarer sei deren Boden für Yoga. Wen wundert es da noch, dass Zürich die Yoga-Hochburg des Landes ist. In der Limmatstadt gibt es mehr als 150 Yoga-Studios. In St. Gallen sind es immerhin rund 25, Tendenz steigend. Denn nirgendwo in Europa ist die Dichte an Yoga-Ausbildungsstätten höher als in der Schweiz. Mehrere Dutzend Ausbildungsstätten entlassen jährlich Hunderte neue Yoga-Lehrer auf den Markt.

Entspannung, aber schnell

Doch nur ein kleiner Teil dieser modernen Yogis sucht nach der Erleuchtung, dem Nirodha. Nicht die Suche nach «dem Innern Licht» treibt die Massen auf die Yoga-Matten, sondern schmerzende Schultern, krumme Rücken und schlaflose Nächte. Sie wollen Räucherstäbchen light, Entspannung im Schnelldurchlauf. «Doch liegen sie erst einmal auf ihren Matten, merken die meisten schnell, dass Yoga mehr ist als Rückengymnastik», sagt Ottilia Scherer, Präsidentin von Yoga Schweiz. Zumindest wenn sie in einer Yoga-Klasse gelandet sind, die diesen Namen auch verdient.

Denn längst nicht überall, wo Yoga draufsteht, ist auch Yoga drin. Spiegelwände und Begriffe wie «Fat-Burn-Yoga» würden dem yogischen Gedanken zuwiderlaufen, sagt Scherer. «Im Yoga geht es eben gerade nicht um Äusserlichkeiten, Perfektion und Leistung. Wer nur einen knackigen Po will, der soll sich besser ein Fitness-Abo kaufen. Dem Yoga-Wildwuchs kann auch der Verband nicht viel entgegensetzten. Weder der Begriff Yoga noch der Titel der diplomierten Yoga-Lehrerin sind geschützt.

Yoga ohne Meditation geht nicht

Anna Trökes, Yoga-Lehrerin und Autorin des «Kleinen Alltags-Yogi», findet ebenfalls deutliche Worte, wenn es um die Verwässerung des Yoga-Begriffs geht. «Nicht jede Verrenkung ist automatisch eine Yoga-Übung. Erst der Grad an Bewusstheit und Achtsamkeit, macht aus einer reinen Akrobatiknummer Yoga.» Und auch für Yoga-Präsidentin Ottilia Schulthess-Scherer ist klar, dass Yoga ohne spirituellen Unterbau kein Yoga mehr ist.

So ist vielen traditionellen Yoga-Lehrern etwa das Bikram Yoga ein Dorn im Auge. Bei 38 Grad wird eine strenge und schweisstreibende Abfolge von 26 Übungen mit militärischem Drill durchgepaukt. Sauna und Yoga in einem, gesundheitlich alles andere als unbedenklich, aber vielleicht gerade deswegen, mega erfolgreich Der Meister Bikram selbst ist damit zum Millionär geworden, sammelt in Los Angeles Bentleys und verklagt jeden, der nur eine Winzigkeit an seinen Vorgaben ändert.

Yoga muss sich wandeln

Ottilia Scherer will aber keinesfalls alle modernen Formen des Yoga verteufeln. «Nur durch seine Wandelbarkeit ist Yoga überhaupt so populär geworden.» Heute treffen in der Yoga-Stunde Sportler auf Spirituelle und Schmerzgeplagte auf Veganer.

«Hätte sich Yoga nicht modernisiert, er wäre eine esoterische Randerscheinung geblieben», sagt Sabine Stahl, Yoga-Lehrerin in Kreuzlingen. Sie hat Yoga vor zwanzig Jahren in Amerika kennengelernt und sofort gewusst: «Das fühlt sich richtig an.» Für die ausgebildete Gymnastiklehrerin ist Yoga ein «Komplettprogramm fürs ganze Leben». Über die ständig neuen Yoga-Stile mag sich Sabine Stahl nicht aufregen. «Jede Gesellschaft, jeder Guru, jeder Schüler mache aus Yoga wieder etwas anderes. «Es sind nur neue Namen für immer dasselbe: seine Mitte zu finden.»

Zumindest für 90 Minuten. Denn wenn nach der Tiefenentspannung im Savasana das letzte OM gesungen ist, sich alle vor ihrem Inneren Licht verbeugt haben, dann wartet da draussen wieder diese unsägliche Welt. Aber wenigstens kann man ihr dann mit geradem Rücken entgegentreten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.