Auf der Panamericana südwärts

Wer schon einmal auf der Panamericana, dieser gigantischen Strasse, die 19 Länder durchquert, von Mexiko südwärts gefahren ist, versteht, über was Eduardo Galeano in seinem 1971 erschienen Werk «Die offenen Adern Lateinamerikas» schreibt.

Christopher Gilb
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book (Bild: Christopher Gilb)

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Wer schon einmal auf der Panamericana, dieser gigantischen Strasse, die 19 Länder durchquert, von Mexiko südwärts gefahren ist, versteht, über was Eduardo Galeano in seinem 1971 erschienen Werk «Die offenen Adern Lateinamerikas» schreibt. Galeano, der grosse Intellektuelle aus Uruguay, ist diesen April im Alter von 75 Jahren gestorben – dabei hätte er noch vieles zu erzählen gehabt. «Wir sind so arm, weil die Erde, auf der wir wandeln, so reich ist», schreibt er in dem Sachbuch, das die Kolonialisierung Lateinamerikas in ihrer historischen und gegenwärtigen Ausprägung behandelt und die ökonomischen Zusammenhänge dieser Geschichte aufzeigt.

Für mich war das Buch eine Hilfe, reflektiert aus dem Fenster zu sehen während meiner langen Reise südwärts. Ich beobachtete auf dieser Reise vieles, was ich nicht verstand. Dazu gehörten vor allem wundervolle Menschen, die in unsäglich prekären Verhältnissen leben müssen: Kinder, die nachts auf Bänken schliefen, oder alte Frauen, die mich zahnlos anlächelten, während sie, auf einer schmutzigen Decke am Strassenrand sitzend, Früchte feilboten. Hätte ich das Buch nicht gelesen, ich hätte mir vielleicht eingebildet, dass sie selbst schuld sein müssen an ihrer Situation, um ihren Anblick besser zu ertragen.

Ich weiss nicht, ob mein sonst positives Menschenbild diese Annahme verkraftet hätte. Irgendwann ersetzte Galeanos Buch mir sogar meinen Reiseführer, denn es beschrieb mir nicht das Gesehene, sondern erklärte es.

Eduardo Galeano: Die offenen Adern Lateinamerikas