Auf der dunklen Seite des Vaterseins

Jetzt ist es also passiert. Zwei Jahre und vier Monate hat es gedauert, dann war es so weit: Zum ersten Mal war ich hässig auf meinen Sohn. Ich hatte ja gedacht, das komme viel früher.

Roger Berhalter
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Für Bettina Kugler (Bild: (21189810))

Für Bettina Kugler (Bild: (21189810))

Jetzt ist es also passiert. Zwei Jahre und vier Monate hat es gedauert, dann war es so weit: Zum ersten Mal war ich hässig auf meinen Sohn. Ich hatte ja gedacht, das komme viel früher. Schon kurz nach der Geburt, wenn man vor lauter Schlafentzug und Babygeschrei die Nerven verliert und der Wut irgendwann nicht mehr widerstehen kann. Aber dem war nicht so, im Gegenteil. Noch nach kürzesten Nächten musste ich lächeln, wenn es der Kleine tat. Noch im grössten Termindruck nahm ich verzückt seine kindliche Seelenruhe wahr. Das waren wohl die Hormone (ja, auch der Blutkreislauf des Mannes verändert sich durch Nachwuchs!). Man kann es auch väterliche Verblendung nennen. Jedenfalls fand ich immer süss, was der Kleine tat – bis jetzt.

Im möchte gar nicht ins Detail gehen. Es war einfach eine weitere, wenn auch heftige Episode in der Trotzphase, die mein Sohn gerade durchlebt. Er poltert häufig, meist ohne haltbaren Grund, und er verweigert sich mit lautem «Nein!» (ich nenne das seine SVP-Phase, aber wir wollen hier nicht politisch werden). Nachdem ich den Schreihals ins Zimmer gesperrt hatte – keine Angst, nur kurz tanzten mir billige Poesie-Zeilen vor den Augen: «Wir brauchen das Dunkel, um das Licht zu sehen.» Und ich suchte Halt in den weisen Worten von Meister Yoda: «Zorn. Furcht. Aggressivität. Die dunklen Seiten der Macht sind sie. Besitz ergreifen sie leicht von dir.»

Am nächsten Morgen übrigens war es dann, als wäre nie etwas gewesen. Der Kleine rieb sich die Äuglein und lächelte – und ich tat es auch. Ich mag die väterliche Verblendung.