AUF DEN SPUREN DER STICKER DURCH GOSSAU UND HINAUF NACH DEGERSHEIM: Die Literatur erwandern

Mit Robert Walser in Herisau, Peter Weber im Toggenburg oder Thomas Hürlimann in der St.Galler Stiftsbibliothek: Ein Wanderbuch erkundet die Ostschweiz als reichhaltige literarische Landschaft.

Beda Hanimann
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Hier gingen die Sticker ein und aus: Christa und Emil Zopfi vor dem «Werk 1» in Gossau. (Bild: Urs Bucher)

Hier gingen die Sticker ein und aus: Christa und Emil Zopfi vor dem «Werk 1» in Gossau. (Bild: Urs Bucher)

Beda Hanimann

beda.hanimann

@tagblatt.ch

Eine Postautohaltestelle ist wie der erste Satz in einem Buch. Da fängt etwas an, Haltestelle wie erster Satz stehen für Aufbruch. Beide sind Ausgangspunkte für nicht restlos überschau- oder kontrollierbare Expeditionen, die über Umwege, Verzögerungen, Aufregungen, Anstrengungen und Vergnügungen auf einen Punkt hin führen. Wandern und Lesen sind verwandte Tätigkeiten, da ist der gleiche Gestus des Hindurchmüssens. Des lustvollen Hindurchwollens.

Diese Verwandtschaft liegt einer Buchreihe des Rotpunktverlags mit literarischen Wanderungen zugrunde. Sie erschliesst verschiedene Regionen auf den Spuren von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, der jüngste Band «Sonnenlüfte atmen» ist dem Gebiet zwischen Wil, Wolfhalden und Wildhaus gewidmet. Die Autoren sind Christa und Emil Zopfi, zwei wandernde Wortmenschen. Sie war bis zur Pensionierung Redaktorin von Fachzeitschriften, er Schriftsteller und Erwachsenenbildner. Gemeinsam organisierten sie während zwanzig Jahren Kurse für kreatives Schreiben. Und beide sind sie begeisterte Wanderer, Bergsteiger und Kletterer.

Wo einst die Sticker ein und aus gingen

Wir treffen die beiden im Restaurant Werk 1 in Gossau. Der Ort ist nicht zufällig gewählt. Das Werk 1 befindet sich in einer ehemaligen Schifflistickerei aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, die im Roman «Die Sticker» der Gossauer Schriftstellerin Elisabeth Gerter (1895–1955) eine Rolle spielt. Im 1938 erschienenen Buch thematisierte sie den Aufstieg und Niedergang der Stickereiindustrie in der Ostschweiz, den Schauplätzen des Romans ist eine der 15 Wanderungen in Zopfis Buch gewidmet. «Der literarische Hintergrund führt zu einer anderen Wahrnehmung», sagt Christa Zopfi. «Dieses Wissen gibt dem Wandern eine neue Dimension.» Sich zu vergegenwärtigen, was hier einst geschehen sei, wie sich Menschen in dieser Kulisse bewegt hätten, das sei eine zusätzliche Ebene.

Bevor es jeweils hinaus ging, auf Stadtrundgänge und Landpartien, lasen sich die Zopfis in Bibliotheken in die Materie ein. «Die Kunst war es dann, aus der Fülle an Informationen eine interessante Wanderung zu komponieren, eine Route zu wählen, die den literarischen Bezügen gerecht wird und auch landschaftlich reizvoll ist», sagt Emil Zopfi. Entstanden sind so 15 Wanderungen durch Städte und Landschaften von heute, 15 Expeditionen in vergangene Zeiten. Es geht mit Peter Weber ins Toggenburg, mit Niklaus Meienberg zum Wäldchen bei Oberuzwil, in dem 1942 der Landesverräter Ernst S. erschossen wurde, mit Thomas Hürlimann in die St. Galler Stiftsbibliothek, mit Christine Fischer zum Kloster Notkersegg, mit Hans Boesch nach Frümsen oder mit Robert Walser auf einen Gang rund um Herisau.

Begegnungen mit vergessenen Autoren

Besonders reich ist der jüngste Band an Begegnungen mit Autorinnen und Autoren, die kaum mehr bekannt sind. Da ist etwa die Toggenburgerin Frieda Hartmann (1893–1986), die heimlich Geschichten über das Landleben schrieb. Da ist die Wolfhäldler Posthalterin Catharina Sturzenegger (1854–1929), die sich im Russisch-Japanischen Krieg, im Balkankrieg von 1912 und im Ersten Weltkrieg für Verwundete engagierte und als Kriegsberichterstatterin tätig war. Oder da ist der Komponist, Schriftsteller und Journalist Hans Roelli (1889–1962), dessen autobiografische Erzählung «Hier bin ich» in Wildhaus spielt.

Mit zahlreichen Originalzitaten werden die Beschreibungen der 15 Wanderungen zu spannenden Zeitdokumenten, im steten Vergleich mit der Realität von heute machen sie aber auch Entwicklungen anschaulich. Und sie bestätigen, was Emil Zopfi über die Verwandtschaft von Landschaftserlebnis und Literatur sagt: Dass Wandern auch ein Wandern der Gedanken ist.

Christa und Emil Zopfi: Sonnenlüfte atmen, Rotpunktverlag 2017, 362 S., Fr. 43.90 Lesung: Donnerstag, 18. Mai, 20 Uhr, Stadtbibliothek Wil

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