Auf dem Weg zum Spitzenjahrgang

Der heisse Sommer 2015 weckt Hoffnungen auf einen herausragenden Weinjahrgang. Die sind berechtigt, wie eine Umfrage bei Ostschweizer Winzern zeigt. Noch aber lauern Gefahren, von Morgennebel über Hagel bis zu Vogelfrass.

Beda Hanimann
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Zwei Wochen früher als üblich: Winzer Fredi Strasser (r.) mit Sohn Andri gestern bei der Lese von Muscat-Bleu-Trauben in Nussbaumen. (Bild: Reto Martin)

Zwei Wochen früher als üblich: Winzer Fredi Strasser (r.) mit Sohn Andri gestern bei der Lese von Muscat-Bleu-Trauben in Nussbaumen. (Bild: Reto Martin)

Fredi Strasser vom Weingut Stammerberg setzt auf biodynamischen Weinbau und auf frühreife Sorten. In seinen Rebbergen im Grenzgebiet Zürich–Thurgau, in Nussbaumen, Neunforn und Oberstammheim, konnte er deshalb bereits vor einer guten Woche rote Sorten ernten – und das hat den erfahrenen Strasser in Staunen versetzt: Die Sorte Léon Millot erzielte Öchslewerte von bis zu 110 Grad. «Das habe ich noch nie erlebt, das übertrifft den Jahrgang 2003 bei weitem», sagt er. Sein Vater fühle sich angesichts der Qualität des Traubenguts gar an den Jahrhundertjahrgang 1947 erinnert.

Der Segen der kühlen Nächte

Der positive Nebeneffekt von Wärme und Trockenheit des Sommers 2015: Die Kirschessigfliege, der Winzerschreck des letzten Jahres, ist diesmal kaum in Erscheinung getreten. «Sie mag es zwar durchaus warm, als Taufliege braucht sie aber Feuchtigkeit. Die hat sie wegen langer Phasen ohne Morgentau dieses Jahr nicht gefunden», erklärt Strasser, der auch den Wetterwechsel mit frischen Nächten zu Anfang September zu schätzen weiss. «Wären die Nächte weiterhin warm geblieben, hätte das zu einem raschen Abbau von Säure geführt», sagt er. Das hätte zur Folge gehabt, dass der Wein alkoholbetont geworden wäre und zu wenig Frucht und Pfiff gehabt hätte. «Das Wetter war bis jetzt ideal auf den Weinbau zugeschnitten.»

Hoffen auf Altweibersommer

Eine kleine Winzertour über den Ottenberg ins Rheintal zum Walensee bestätigt die Einschätzung. Auch für Ines Rebentrost, Önologin des renommierten Weinguts Bachtobel in Weinfelden, sieht es bis jetzt nach einem tollen Jahrgang aus. Der Wimmet hat am 10. September begonnen, zwei Wochen früher als 2014. Die meisten Reben hätten die Hitze gut vertragen, nur kleine Stöcke hätten wegen ihres noch nicht so ausgedehnten Wurzelsystems etwas Trockenstress gehabt. «Durch die Hitze sind die Beeren kleiner geblieben, dafür aromatischer. Unsere Trauben präsentieren sich geschmackvoll und gesund wie seit 2011 nicht mehr», sagt sie.

Für einen tollen Jahrgang brauche es jedoch «die nächsten vier Wochen einen güldenen Altweibersommer», ergänzt Ines Rebentrost. Denn Gefahren lauern noch viele: «Jeden Morgen zäher Hochnebel, viel Regen, Kälte, Reh- und Vogelfrass, der Angriff der Kirschessigfliege, keine Sonne.»

Spätfolgen des Spritzens

Auch Kaspar Wetli vom Weingut Schmid Wetli in Berneck spricht von intakten Aussichten auf einen guten Jahrgang. Anders als in Teilen der Westschweiz habe die Trockenheit im Rheintal kaum Probleme bereitet. Dennoch macht Wetli zum Begriff «Superjahr» eine Einschränkung. Der Einsatz des Anti-Fäulnismittels «Moon Privilege» im letzten Jahr hat heuer in vielen Teilen der Schweiz zu Ernteausfällen geführt. «Je nach Sorte und Behandlungszeitpunkt gab es Probleme mit den Blüten», sagt er. Da und dort trat als Spätfolge des Spritzens das ungeliebte Phänomen des Verrieselns auf. Von Verrieseln spricht man, wenn nach der Blüte zu viele Fruchtansätze abgestossen werden. Wetli bleibt dennoch bei seiner Einschätzung als einem «bis jetzt tollen Jahr».

Einige Wochen Geduld nötig

Dem schliesst sich Bruno Bosshart vom Bioweingut Bosshart + Grimm in Berschis zwischen Sargans und Walenstadt an. «Die Hoffnungen auf einen herausragenden Jahrgang sind berechtigt», sagt er. Allerdings warnt er vor einer Jagd nach Öchslewerten. «Wir versuchen, die Säurewerte bei der Entscheidung des Erntezeitpunkts ebenso einzubeziehen, denn zu viel Alkohol kann auch brandig wirken.» Die Erträge sind etwas tiefer, weil die Trauben weniger prall sind. Und bei aller Hoffnung ist sich auch Bosshart der Gefahren bewusst, die noch lauern. Er nennt Tierfrass, Nässe, Fäulnis, Hagel oder Schnee.

Zurückhaltung übt auch Markus Hardegger von der Fachstelle Weinbau im Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen in Salez: «Es bedarf noch einiger Wochen Geduld.» Auch er betont, dass nicht nur Öchslegrade zählen. Entscheidend seien auch die optimale Säure, die Reife der Tannine und die Aromatik, die jetzt ausgebildet werde. «Dafür sind warme, sonnige Tage und kühle Nächte optimal.» Doch Hardegger will weder Winzern noch Weinliebhabern die Vorfreude nehmen. «Der heisse Sommer hat den Reben richtig gut getan», sagt er. Und zitiert eine alte Winzerweisheit: «Einer Rebe und einer Geiss wird es kaum zu heiss.»