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Auch Todgeweihte haben Rechte

84 Prozent der Schweizer stimmten dafür, den Piloten im TV-Experiment «Terror – Ihr Urteil» für den Abschuss einer Passagiermaschine freizusprechen. Leicht dürfte diese Entscheidung niemandem gefallen sein.
Katja Fischer De Santi
Recht oder Unrecht? Eine schwierige Entscheidung, die in diesem Film die Zuschauer übernehmen müssen und nicht der Richter (Burghart Klaussner). (Bild: Julia Terjung/SRF)

Recht oder Unrecht? Eine schwierige Entscheidung, die in diesem Film die Zuschauer übernehmen müssen und nicht der Richter (Burghart Klaussner). (Bild: Julia Terjung/SRF)

Darf man Menschenleben gegeneinander aufwiegen? Und wenn ja, in welchem Verhältnis? 1 zu 100? 164 zu 70 000?

Ja, befanden 84 Prozent der Schweizer TV-Zuschauer, man darf. Zumindest, wenn man ein Kampfflugzeugpilot ist und es mit einem Terroristen zu tun hat, der eine Passagiermaschine in ein Fussballstadion krachen lassen will. «Das kleinere Übel» sei es dann, diese Passagiermaschine abzuschiessen. 164 Menschenleben zu opfern, um 70 000 potenzielle Tote zu verhindern.

SRF, ARD und ORF machten im TV-Grossereignis «Terror – Ihr Urteil» die Zuschauer am Montagabend zu Laienrichtern. Machten ein sperriges Thema wie Grundrecht zum Jekami-Spiel. Mit Erfolg, allein in Deutschland sassen 6,88 Millionen Zuschauer vor den Fernsehern. Auch in Deutschland und Österreich stimmten jeweils rund 87 Prozent für einen Freispruch des Piloten. Das gefiel gerade in Deutschland nicht allen. Man dürfe den TV-Pöbel nicht über Grundrechte abstimmen lassen, hiess es. Der Film hetze das Volk gegen die Verfassung auf. Der Hintergrund dazu: Im Jahr 2005 hatte der deutsche Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das es dem Verteidigungsminister erlaubt hätte, den Befehl zum Abschuss eines zur Waffe umfunktionierten Flugzeugs zu geben. Ein Jahr danach hob das Bundesverfassungsgericht den entsprechenden Paragraphen wieder auf. Der Staat dürfe nicht Leben gegen Leben abwägen.

Ein Stück wie gemacht für den Staatskundeunterricht

In der Schweiz ist die Ausgangslage eine andere. «Ihr Schweizer stimmt doch jeden Sonntag über Verfassungsänderungen ab?», fragte im Anschluss an den Film der ARD-Moderator Frank Plasberg. Worauf Jonas Projer aus der «Arena Spezial» antwortete, dass es in der Schweiz tatsächlich einfach sei, die Verfassung per Volksabstimmung zu ändern. Auch könne der Bundesrat per Dekret bereits heute ein Passagierflugzeug abschiessen lassen, wenn der Notstand dies fordere.

Alles klar also? Nein, der Militärpilot im Film, gespielt von Florian David Fitz, hat unrecht getan. Er hat sich über Befehle hinweggesetzt, über die Verfassung, welche jedem Leben den gleichen Wert zugesteht, hat Gott gespielt. Dass die Schuld tragen muss, wer im Grenzfall glaubt, höheren Massstäben als den rechtlichen folgen zu müssen, daran zweifelt normalerweise niemand.

Aber Terror sei keine Alltagssituation, sagt der Verteidiger im Film. Der Zweck heilige nicht die Mittel, kontert die Staatsanwältin (Martina Gedecke). Mord bleibe Mord, in diesem Fall ein 164facher. Selbst Todgeweihte wie diese Passagiere hätten noch Rechte. Und was, wenn das Flugzeug gar nichts ins Stadion geflogen wäre? Was, wenn die Passagiere den Terroristen in letzter Minute hätten überwältigen können? Und warum hat man das Stadion nicht geräumt? Dass die Urteilsfindung nicht so einfach ist, wie es anfänglich schien, darin liegt der Lerneffekt des Stücks «Terror – Ihr Urteil», geschrieben von Ferdinand von Schirach. Es ist ein Stück wie gemacht für den Staatskundeunterricht. Es geht darum, aufzuzeigen, dass Recht und Moral zweierlei Dinge sind. Dass Recht nicht immer gerecht ist. Dass unserem Gewissen nicht zu trauen ist.

In Zeiten des Terrors gelten andere Regeln

Der ehemalige Strafverteidiger von Schirach hat in Interviews immer wieder beteuert, dass er selbst gegen den Abschuss wäre. Der Staat dürfe keine Unschuldigen töten. Ihm gehe es darum, die Zuschauer in ein moralisches Dilemma zu führen. Doch während die Staatsanwältin mit der Würde des Menschen argumentieren muss – eine Konstruktion, die zumindest in diesem Fall dem gesunden Menschenverstand widerspricht –, hat der Anwalt die Angst vor dem Terror auf seiner Seite. Man müsse doch was tun können, und wenn es nur das «kleinere Übel» ist.

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