Auch die Frau krankt am Herzen

Frauen denken oft, dass sie weniger von Herzinfarkt betroffen sind als Männer. In Wahrheit ist es aber gerade umkehrt. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bei Frauen die häufigste Todesursache. Ein Grund dafür ist emotionaler Stress.

Hans Graber
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Elderly woman holding a heart shape in her hands, isolated on white background (Bild: Erik Reis - IKOstudio (75998983))

Elderly woman holding a heart shape in her hands, isolated on white background (Bild: Erik Reis - IKOstudio (75998983))

Es beginnt mit Kurzatmigkeit, und plötzlicher grosser Müdigkeit. Vielleicht aber auch mit undefinierten Bauchschmerzen und Rückenschmerzen, welche immer stärker werden – und endet mit einem Herzinfarkt. Denn zwei Drittel der Frauen erleiden einen Herzinfarkt ohne typische Symptome.

Dies sei nur einer der Gründe, warum mehr Frauen (37 Prozent) an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben würden als Männer (33 Prozent), sagt Christine Attenhofer Jost, Ärztin am Herz-Gefäss-Zentrum der Zürcher Klinik Im Park. Sie setzt sich, zusammen mit der Schweizer Herzstiftung, dafür ein, dass Frauen mehr auf ihr Herz achten. Denn was viele Frauen nicht wissen: Das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, ist zwölfmal höher als bei Brustkrebs. Trotzdem gilt der Herzinfarkt als typische Männerkrankheit.

Herzinfarkt mit 70 Jahren

Eine mögliche Erklärung: Männer sind bei einem Erstinfarkt oft um die 60 Jahre alt, Frauen knapp 70. Das höhere Alter kann die öffentliche Wahrnehmung beeinflussen. Wer 60 ist, steht meist noch im Berufsleben. Wer 70 ist, gilt zwar noch nicht als alt, hat aber die Schwelle zur Pensionierung schon klar überschritten, und da kommen halt – so die vorherrschende Meinung – nach und nach die Gebresten. Doch 70jährige Schweizer Frauen haben heute eine durchschnittliche Lebenserwartung von noch 18 Jahren. Wer zu sich Sorge trägt, hat gute Aussichten, über den Schnitt zu kommen. Aber allzu oft herrscht Bedenkenlosigkeit vor, gerade bei Frauen. «Herzprobleme? Ich doch nicht.»

Frauen setzt Stress eher zu

Die Risikofaktoren sind längst eruiert: Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, familiäre Veranlagung, Diabetes, Rauchen, Übergewicht, Stress, Depressionen, eine frühere Bestrahlung – und natürlich das steigende Alter. Je mehr Faktoren vorhanden sind, umso höher das Risiko. Aber Folgendes ist bemerkenswert: «Bei Frauen sind durchschnittlich weniger Risikofaktoren vorhanden als bei Männern gleichen Alters, aber diese Faktoren beeinflussen das Herzinfarktrisiko bei Frauen stärker als bei Männern», sagt Christine Attenhofer Jost. Besonders Bluthochdruck, Diabetes, ungünstige Blutfettwerte und auch psychischer Stress würden bei Frauen verstärkt zum Infarktrisiko beitragen.

Psyche schlägt aufs Herz

Für die höhere Stressanfälligkeit von Frauen spricht auch, dass vorwiegend sie vom Gebrochenen-Herzen-Syndrom (Tako-Tsubo-Syndrom) betroffen sind (siehe Kasten). Weshalb Frauen die Psyche vermehrt aufs Herz schlägt, ist unklar. Kardiologe Paul Erne vom Luzerner Zentrum Herz und Blutdruck St. Anna hat eine These: «Frauen stellen oft in verschiedensten Lebensbereichen sehr hohe Ansprüche an sich selbst und haben teilweise Mühe, sich abzugrenzen. Oft kommt dabei die eigene Person zu kurz.»

Frauen haben indes bezüglich Herzgesundheit auch Vorteile: Vor den Wechseljahren sind sie durch ihre Hormone besser geschützt als Männer, und wenn sie die Pille genommen haben, bleibt ihr Risiko für eine koronare Herzerkrankung auch nach den Wechseljahren minim reduziert (mit Ausnahme von Raucherinnen). Zudem leben Frauen im allgemeinen etwas gesünder als Männer.

Homöopathie hilft nicht immer

Das hat aber auch eine Kehrseite. Christine Attenhofer Jost: «Viele Frauen denken so: Jedes Medikament ist ein Gift, ich kann mich selber mit einer gesunden Lebensweise oder Homöopathie kurieren.» Diese Einstellung kann fatale Folgen haben. Ebenso wie der Glaube, dass man ein verschriebenes Medikament nicht oder nur reduziert benötigt. Frauen sind unzuverlässiger in der Medikamenteneinnahme als Männer: Sie nehmen die gegen Herz-Kreislauf-Probleme verordneten Tabletten häufig gar nicht erst ein oder nur jeden dritten Tag – und sie setzen sie nach kurzer Zeit eigenmächtig ab. Paul Erne: «Treten Nebenwirkungen ein, sollten die Patienten keinesfalls die Medikamente eigenmächtig absetzen. Oft gibt es Alternativen oder andere Dosierungen.»

Kurzatmigkeit

Ein weiterer Unterschied zwischen den Geschlechtern: Während Männer durch Brustenge auf die potenzielle Gefahr aufmerksam werden, machen sich bei Frauen – wenn überhaupt – viel eher Kurzatmigkeit, Müdigkeit, Schwäche, Übelkeit, manchmal auch Rücken- oder Bauchschmerzen bemerkbar. Da denkt man nicht unbedingt gleich ans Herz. Logische Konsequenz: Frauen warten länger, bis sie den Arzt aufsuchen. Sie kommen erst vier Stunden nach Symptombeginn ins Spital – rund 50 Minuten später als Männer, was die Überlebenschancen mindert.

Ungewohnte Schmerzen

Christine Attenhofer Jost: «Als Frau sollte man bei ungewohnten und unerklärlichen Schmerzen zwischen Kiefer und Bauch immer auch ans Herz denken – und zwar so lange, bis der Verdacht ausgeräumt ist.» Symptome, die einem auf Anhieb vielleicht am meisten sorgen, bedeuten nicht zwingend etwas Gravierendes. «Verspürt man zum Beispiel vorübergehend einen ziehenden oder stechenden Schmerz in der Brustgegend, geht dieser in der Regel nicht vom Herz aus und ist harmlos.»

Nur eben, wer weiss das als Laie schon mit Sicherheit? Christine Attenhofer Jost zitiert bei ihren Referaten gerne «Die Zeit», die geschrieben hat: «Frauen wissen meist recht gut, was sie auf dem Herzen haben. Dass sie auch etwas am Herz haben könnten, liegt ihren Gedanken dagegen oft fern.»

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