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ARTHUR HONEGGER: Der Verdingbub ist verstummt

Am Dienstag ist der Schriftsteller und Journalist 92-jährig gestorben. Mit dem aufwühlenden Tatsachenroman «Die Fertigmacher» über das Unrecht an Verdingkindern hat er Literaturgeschichte geschrieben.
Hansruedi Kugler
Arthur Honegger war bei allem hartnäckigen Eifer für die Gerechtigkeit immer auch ein verschmitzter Erzähler. (Bild: Michel Canonica (Krummenau, 11. September 2014))

Arthur Honegger war bei allem hartnäckigen Eifer für die Gerechtigkeit immer auch ein verschmitzter Erzähler. (Bild: Michel Canonica (Krummenau, 11. September 2014))

Hansruedi Kugler

Um die Wirkung Arthur Honeggers einzuschätzen, muss man das ungläubige Staunen in den Gesichtern der Berufsschüler gesehen haben. «Herr Honegger, wie haben Sie das nur überlebt? Warum haben Sie nie zurückgeschlagen?», fragten die Jugend­lichen jeweils, nachdem der Schriftsteller von seiner Jugend erzählt hatte. Sein Roman «Die Fertigmacher» aus dem Jahr 1974 lag dabei immer auf dem Tisch. Als Verdingkind in den 1930er- und 40er-Jahren der Willkür ausgesetzt, hatte man ihn als «Sohn einer Hure» beschimpft und als billige Hilfskraft ausgebeutet. «Es gab keine Sozialarbeiter und die Behörden schauten weg.» Die Schüler hörten gebannt zu, wollten wissen, wie man den Hass und die Angst überwindet. Und sie wussten: Der freundliche alte Herr hatte eine schlimme Jugend und hat nun eine späte Mission: als Mutmacher. «Man kann auch trotz schwerer Jugend ein friedfertiger, glücklicher Mensch werden», war Honeggers Botschaft. Den Hass habe er schreibend überwunden und indem er sich gegen Ungerechtigkeit engagiere. In Honegger sahen die Schüler ein authentisches Vorbild.

Seine Frau wird ihm zur Lebensretterin

«Die Fertigmacher» machten Arthur Honegger 1974 schlagartig berühmt. Fortan war er für die meisten einfach der Turi. Seine Lebensgeschichte wurde Allgemeingut: Am 27. September 1924 in St. Gallen geboren, hat Arthur Honegger seine Mutter erst im hohen Alter gesehen – und dies auch nur auf einem Foto. Denn der minderjährigen Elsa Klara Honegger wurde ihr unehelicher Sohn kurz nach der Geburt weggenommen und in eine Pflegefamilie gegeben. Honegger durchlitt fortan im Zürcher Oberland als Verdingbub jenes Schicksal, das ihn später zum Fürsprecher, Schriftsteller und Politiker machte. Im Spiegel von Honeggers Romanen erscheint die damalige Schweiz als bigott, engstirnig, rabiat. Armut, Arbeitslosigkeit und eine zynische Obrigkeit haben sein Weltbild geprägt. Seine Ehefrau Heidi, die eine ähnliche Jugend wie er erlebt hatte und die er schon mit 24 Jahren heiratete, bezeichnete er später als Lebensretterin. Als die Lebensgefährtin, die sein Temperament und seine Verzweiflung auffing. Denn so hart sein früher Lebensweg, so engagiert und zugänglich war er später. Gerne hätte er die Kantonsschule besucht, gerne wäre er Schauspieler geworden. Talent hatte er: Er war ein kreativer Bub und guter Schüler. Nur hatte er das Pech, der Willkür von Vormündern ausgeliefert zu sein.

Dem ersten privaten Liebesglück folgte später ein beruflicher Glücksfall. 1960 wurde er Sekretär der SP Thurgau und feuriger Redaktor der «Arbeiterzeitung». Als Journalist aber prägte er jahrelang das Boulevardblatt «Blick», für das er von 1962 bis 1969 arbeitete. In dieser Zeit schrieb er unter anderem über den Mirage-Skandal, berichtete vom Auschwitz-Prozess 1963 in Frankfurt, war beim Flugzeugabsturz einer Swissair-Maschine 1963 bei Dürrenäsch mit 217 Toten als Reporter vor Ort und berichtete 1967 vom Sechstage-Krieg in Israel. Das schärfte seinen Sinn für Gerechtigkeit nochmals.

Die Ungerechtigkeit von der Seele geschrieben

Die 1960er-Jahre waren ein ungeheuer intensives Jahrzehnt für Honegger. Ein offenes Ohr für schwierige Jugendliche hatte er auch damals. Zusammen mit seiner Frau hat er mehrere Pflegekinder aus zerrütteten Familien betreut. 1970 wechselte er zum «Diners Club Magazin», das er als Chefredaktor leitete. Als ihn der Bülacher Stadtpräsident öffentlich als «Zuchthäusler» verleumdete, holte ihn seine Lebensgeschichte ein. Verdrängen ging nicht mehr. Fortan schrieb er sich die Ungerechtigkeit von der Seele. Als freier Schriftsteller und Kolumnist veröffentlichte er bis ins hohe Alter mehr als zwanzig weitere, zumeist autobiografisch gefärbte Romane. In diesen setzte er sich immerzu kritisch und gelegentlich mit viel Humor mit der Schweizer Gegenwart auseinander. Wer etwa «Der fremde Fötzel oder die Wahl in den Grossen Rat» (1992) liest, erlebt sein grosses satirisches Talent.

Arthur Honegger lebte seit den 1970er-Jahren im Toggenburg, wo er sich ein Haus für seine Frau und seine drei Kinder gebaut hatte. Dort wurde er dann auch wieder zum Politiker. Von 1991 bis 1996 war er Kantonsrat, als Mitglied der Sozialdemokratischen Fraktion, hielt flammende Reden gegen Ungerechtigkeiten und veranlasste die Regierung zur Ausarbeitung eines Armutsberichts.

Wichtiger Volksschriftsteller für die Schweiz

Dass er in seinem politischen Engagement kaum zu bremsen war, machte ihn nicht nur beliebt. Manche fühlten sich überfahren, hielten seine Art für verbissen. Verständlich: Der äusserst liebenswürdige und verletzliche Mann war ein Vielredner, einer, der immer wieder auch auf seine eigene Lebensgeschichte zurückkam. Wer ihn aber persönlich kannte, wusste: Dieser Mann ist ein Wunder an Ausdauer und Freundlichkeit und erwartete dies auch bei seinem Gegenüber. Noch im höchsten Alter konnte er mit präziser Erinnerung und Schalk stundenlang erzählen – und man war beeindruckt von seiner Leidenschaft für das Gerechte. Auf jede Frage musste man mit einer zwei Stunden dauernden Antwort rechnen. Dieser liebenswürdige Mann grub mit seinem ganzen Eifer in seinem Leben, die Erzählung wechselte immerzu zwischen Empörung und Dankbarkeit.

Seine Zeit als Verdingbub liess ihn auch im Alter nicht los. So manche Nacht wachte er nach Albträumen schweissgebadet auf. Später wollte er, dass man ihn mit Arthur begrüsst. Den Turi war er etwas müde geworden, trotz des erfolgreichen Films «Turi» aus dem Jahr 2004 über ihn. Noch ein Glück erlebte er vor wenigen Jahren: 2013 schrieb er den Text für den Chor einer Symphonie des Komponisten Thomas Trachsel. Vor zwei Jahren zog er mit seiner Frau Heidi, mit der er 67 Jahre verheiratet war, ins Alters- und Pflegeheim Nesslau. Dort ist er am Dienstag verstorben. «Eigentlich bin ich gar kein richtiger Schriftsteller», sagte er mal selbstkritisch. Damit liegt er falsch. Als bedeutender moderner Volksschriftsteller hat er jetzt schon einen sicheren Platz.

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