Arbeitselefanten sterben zu jung

In Burma gibt es noch immer rund 4500 Arbeitselefanten. So viele wie nirgendwo sonst. Es geht ihnen nicht gut. Sie sterben viel zu früh, und ein Fünftel ihrer Kälber wird nicht älter als fünf Jahre.

Peter Jaeggi
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Arbeitselefant in Burma mit seinem Oozie, dem Elefantenführer. Mit 55 Jahren wird ein Arbeitselefant pensioniert. (Bild: Universität Sheffield)

Arbeitselefant in Burma mit seinem Oozie, dem Elefantenführer. Mit 55 Jahren wird ein Arbeitselefant pensioniert. (Bild: Universität Sheffield)

Es war die Entdeckung ihres Lebens. Die burmesische Wildtierärztin und Elefantenforscherin Khyne U Mar stiess auf alte Logbücher, eigentliche «Familienbüchlein» von rund zehntausend Arbeitselefanten, die sich seit der Kolonialzeit in Burmas Wäldern abgerackert hatten.

Die Veterinärin zeigt im Arbeitszimmer ihrer Wohnung in Rangun das älteste noch erhaltene Exemplar, vergilbt, teilweise von Insekten und Mäusen angefressen. Es ist das Lebensbuch der Elefantenkuh Kyaw Maung, geboren 1928, gestorben 1948, im Jahr als sich Burma der britischen Kolonialherrschaft entledigte. Khyne U Mar ist begeistert. «Denn da stehen auch die Namen der Eltern, wann und wo das Tier gefangen wurde, Geburten, Fehlgeburten, Krankheiten, Wetterinformationen – einfach alles.» Tausende von Biodaten, die nun digitalisiert werden.

Arbeitselefenten-Datenbank

An Khyne U Mars Arbeitsplatz entsteht mit Hilfe der Logbücher, die in Burma obligatorisch sind, die weltweit grösste Arbeitselefanten-Datenbank. Dies im Rahmen eines Forschungsprojektes, das die Veterinärin an der englischen Universität Sheffield leitet. In Zusammenarbeit mit der Myanmar Timber Enterprise (MTE). Diese staatliche Holzfirma besitzt die Mehrheit der Arbeitselefanten, insgesamt rund 2700. Ziel der Arbeit: Herausfinden, welche Faktoren die grossen Gesundheitsprobleme verursachen, an denen die Tiere leiden. Vor allem die Schwerstarbeiter in Ketten, die schwere Baumstämme hinter sich herziehen müssen. Ein gesunder Elefant in Gefangenschaft wird in Burma etwa 70 Jahre alt. «Doch in den Arbeitselefanten-Camps lebt die Mehrheit im Schnitt lediglich 40 bis 45 Jahre», sagt Khyne U Mar. «Wir möchten erreichen, dass sie älter werden. Dazu müssen wir verstehen, weshalb sie so früh sterben.» Die Lebensgeschichten in den alten Büchern sind nun auf der Suche nach Antworten Gold wert. Erste Hinweise haben sich offenbart: «Es könnte Arbeitsstress sein», sagt Khyne U Mar. Es gebe zwar Vorschriften, wie viel sie schleppen dürfen, «doch wir sind nicht sicher, ob sie dem Tier auch gerecht werden».

Pension mit 55

In Burma oder Myanmar, wie die vom Militär dominierte Regierung das Land nennt, beginnt das Elefanten-Arbeitsleben mit 17. Mit 55 werden Bullen und Kühe pensioniert und müssen nicht mehr arbeiten. Bis etwa 20 verrichten die Tiere leichtere Jobs. Von 20 bis 40 schleppen sie bis zu zwei Tonnen schwere Lasten. Nach ersten Datenanalysen wird ein Zusammenhang zwischen Arbeit und frühem Tod vermutet. Nicht allein das Gewicht der Lasten sei relevant, sagt die Wissenschafterin, auch die Jahreszeit spiele hinein. Während des Monsuns ist die Nahrung üppiger als in der Trockenzeit, in der es sehr heiss ist. Einflüsse, die den Tieren zu schaffen machen. «Wir glauben, dass man an heissen Tagen die Arbeitsbelastung reduzieren sollte», sagt Khyne U Mar.

Als ob all das nicht schon schlimm genug wäre, leiden Burmas Arbeitselefanten noch an einer Nachwuchstragödie. «In den Holzfällercamps starben laut meinen Forschungen 2013 und 2014 bis zu fünfundzwanzig Prozent der Kälber vor dem fünften Altersjahr», sagt die Forscherin. Auch hier führen bisher ausgewertete Biodaten in den Logbüchern zu einem ersten Verdacht. «Wir vermuten eine Mangelernährung. Die Kühe geben zu wenig Milch, die Kälber magern ab und eines Tages sterben sie ohne offensichtliche Anzeichen einer Krankheit.» Ein Kalb trinkt vier Jahre lang Muttermilch. Das Forscherteam glaubt, dass die Kühe wegen ihrer schweren Arbeit zu wenig Reserven haben, um so lange genügend Milch zu produzieren.

Lebensgefährlich ist zudem die Zähmung. Wenn das Kalb vier Jahre alt ist, brechen ihm die Oozies – wörtlich übersetzt «Kopfreiter» – den Willen. Oozie, so heisst in Burma der Elefantenführer. Er macht das Wildtier unter anderem mit Nahrungsentzug gefügig. Das stresst, schmerzt und tötet manchmal.

Stabile Zahl der Elefanten

Die Zahl der staatlichen Arbeitselefanten in Burma ist seit den 50er-Jahren in etwa stabil, obwohl so viele Tiere sterben. Man bedient sich deswegen bei den frei Lebenden. Der Staat erteilt Ausnahmebewilligungen für das Fangen von Wildelefanten – vielleicht noch etwa zehn pro Jahr, früher waren es hundert.

«Wildfänge wie in Myanmar und Indonesien haben in Asien erheblich zur Bedrohung der Tierart beigetragen», sagt der bekannte Elefantenforscher Peter Leimgruber vom Smithonian-Institut. Die Zahl der Wildelefanten ist in den letzten Jahren drastisch geschrumpft. Konservative Schätzungen gehen von nur noch etwa 1200 Tieren aus. Vor zwei Jahrzehnten wurden noch zehntausend geschätzt. Dass es immer weniger werden, daran sind auch die zunehmende Wilderei sowie militärische Konflikte schuld. Aber vor allem ein rasanter Lebensraumverlust.

«Wenn es gelingt, die Mortalitätsrate der Kälber zu senken und die Lebensdauer der Tiere zu verlängern, dann schützt dies auch die wildlebenden Elefanten. Es braucht dann keine Wildfänge mehr», sagt Khyne U Mar.