ANTIFOLK: Folk mit Blessuren

Jeffrey Lewis’ Songs lesen sich in ihrer Poesie wie Tagebucheinträge. Ein lupenreiner und klarer Sound interessiert den New Yorker hingegen nicht. Diesen Samstag steht er im Palace St. Gallen auf der Bühne.

Merken
Drucken
Teilen

Jeffrey Lewis? Den kennt man in St. Gallen! Er stand schon einige Male im Palace auf der Bühne. Der New Yorker Musiker und Comiczeichner und legendäre Antifolkmusiker bestellt mit seiner Akustikgitarre einen Acker, in dem kauzige Vorbilder wie die Violent Femmes, Jonathan Richman, Adam Green oder Beck tiefe Fussstapfen hinterlassen haben. Die Tradition ist aber noch älter: Phil Ochs, Woody Guthrie, Robert Johnson und Bob Dylan sind Lewis’ Grossvätergeneration, denen es wie dem New Yorker selbst nie um lupenreinen Klang ging.

Es war zwar kein wirklich neuer Einfall, sein Album «The Last Time I Did Acid I Went Insane» aus dem Jahr 2001 bei offenem Fenster inklusive Strassenlärm auf einem alten Rekorder aufzunehmen, doch dafür wird sich das Konzert im Palace vielleicht ähnlich wie auf CD anhören: Klangverluste und eine ungemein ­originelle musikalische Archaik entsprechen der New Yorker Lower-East-Side-Philosophie dieses Abends.

Lewis’ Stücke sind wie Tagebuchnotizen, hingekritzelte Beat Poetry, hingeworfene, spontane, eher beiläufige Einfälle. Da stört kein falscher Griff, kein Schnarren der tiefen E-Saite, da fällt es kaum auf, dass Lewis’ klagendes Timbre so klingt wie aus einem alten Zeichentrickfilm. Sonor brummelnd, im Dauerredefluss.

Zeichnungen als «Low Budget-Videos»

Kaum verständlich sind die Verse der Songs wie «Williamsburg Will Oldham Horror», «The Complete History of Punk», «The History of The Fall» oder «New Old Friends», doch der 1975 in New York City geborene Lewis hat bei seinen Konzerten meistens einige Zeichnungen dabei, die er «Low Budget Videos» nennt – die das gesungene Wort erklären und helfen, die Song­inhalte verständlicher zu machen.

Jetzt ist der selbsternannte «Working Class Musician» wieder in der Ostschweiz. Mit dabei hat Lewis sein aktuelles Album «Manhattan», auf dem er unter anderem vom «Scowling Crackhead Ian» erzählt, der sich in der Gegend rund um die 2nd Avenue im East Village herumdrückt. Es sind skurrile und schräge New Yorker Typen, die dieses Lo-Fi-Album bevölkern, bei dem unter anderem auch Musiker von The Wave Pictures und der New Yorker Folksänger Turner Cody mitgemischt haben. Menschen, über die Lewis einiges zu berichten weiss – in durchaus literarischer Tradition etwa eines Paul Auster oder auch in Tradition des grossen New-York-Songschreibers Lou Reed.

Lews nimmt auch seine neue Band Los Bolts mit nach St. Gallen. Der Inhalt ist altbekannt: ­Lagerfeuerpunk und Schredderfolk, Folk mit ganz vielen Blessuren und punkigen Kratzern.

Marc Peschke

focus@tagblatt.ch

Samstag, 14.10., 22 Uhr im Palace St. Gallen, palace.sg