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ANTIBIOTIKA: Antibiotika werden zu oft eingesetzt

Immer mehr Menschen sterben an Infektionskrankheiten, weil Antibiotika nicht mehr nützen. Der Bund will nun den unsachgemässen Gebrauch in der Medizin und der Landwirtschaft eindämmen.
Andrea Söldi
Antibiotika in mit Bakterien gefüllten Petrischalen: In der rechten Schale wachsen resistente Bakterien, in der linken nicht. (Bild: Getty)

Antibiotika in mit Bakterien gefüllten Petrischalen: In der rechten Schale wachsen resistente Bakterien, in der linken nicht. (Bild: Getty)

Andrea Söldi

Antibiotika sind äusserst wirksame Mittel. Seit der Anwendung von Penicillin ab dem Zweiten Weltkrieg sterben weit weniger Menschen an Infektionskrankheiten. Doch wegen der verbreiteten Einnahme und teilweise unsachgemässem Gebrauch verlieren immer mehr Substanzen ihre Wirkung. Denn die Bakterien sind sehr lernfähig und entwickeln bei ihrer rasanten Vermehrung schnell Resistenzen. In Europa sterben deshalb jährlich rund 25000 Menschen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat 2001 eine globale Strategie gegen Antibiotikaresistenzen veröffentlicht und 2015 einen Aktionsplan präsentiert. Im gleichen Jahr hat der Bundesrat eine entsprechende Strategie für die Schweiz verabschiedet. Dabei arbeiten drei Bundesämter zusammen und gleisen Massnahmen auf, die in der Human- und Tiermedizin sowie in der Landwirtschaft zur Anwendung kommen (siehe Kasten). «Es braucht koordinierte Ansätze in allen betroffenen Bereichen», hielt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel gestern an einer Informationsveranstaltung in Liebefeld fest.

Eingeladen hatte das labormedizinische Zentrum Dr. Risch, welches über die schweizweit modernste Laboranlage für solche Untersuchungen verfügt und im Auftrag diverser Spitäler Analysen durchführt. Das raumfüllende Gerät prüft Blut-, Urin- und Stuhlproben sehr schnell und gründlich auf Keime sowie allfällige Resistenzen. Dies ermögliche eine gezielte Anwendung von Antibiotika, erklärte Co-Inhaber Lorenz Risch.

Unwirksam bei Erkältung

Ein zu lascher Umgang mit den Mitteln ist in der Tat ein wichtiger Grund für die Entwicklung von Resistenzen. Viel zu oft verschreiben Ärzte ein Antibiotikum, ohne vorher genau abzuklären, welche Bakterien für einen Infekt verantwortlich sind. Wenn es schnell gehen muss, greifen sie gern zu einem sogenannten Breitband-Antibiotikum, welches einen Grossteil der verbreiteten Erreger abdeckt. Damit werden auch zahlreiche andere Bakterien im Körper angegriffen, die keine Probleme verursachen. Der Kontakt mit den Stoffen ermöglicht ihnen, eine Resistenz auszubilden.

Manchmal geben Ärzte die Medikamente sogar bei Krankheiten ab, bei denen sie erwiesenermassen keinen Nutzen haben. So werden etwa die meisten Erkältungen sowie Grippe von Viren verursacht. Diese Erreger sprechen nicht auf Antibiotika an. «Ärzte sollten ihre Patienten darüber informieren und ihnen auch erklären, warum eine vorgängige Laboruntersuchung wichtig ist», sagte Dieter Conen von der Stiftung Patientensicherheit. In den meisten Fällen sei es möglich, vor der Behandlung die Resultate abzuwarten. Die Anzahl resistenter Keime steht in einem direkten Zusammenhang mit dem Gebrauch von Antibiotika, wie Studien darlegen. Werden weniger Antibiotika geschluckt, zeigen schon bald wieder mehr Bakterien eine Reaktion auf die Mittel. Dies wird auch im Ländervergleich deutlich: Wo Antibiotika niederschwellig abgegeben werden und zum Teil rezeptfrei erhältlich sind, beobachtet man Resistenzen häufiger. Ein grosses Problem stellt das Phänomen zum Beispiel in Indien dar, aber auch in China und einigen anderen asiatischen Ländern.

Weitere Faktoren seien eine hohe Bevölkerungsdichte, ein warmes Klima, eine grosse Verbreitung von Durchfallerkrankungen und ein enger Kontakt zwischen Menschen und Tieren, erklärte Mikrobiologe Markus Hilty. Besonders Hühner sind häufige Träger von resistenten Darmbakterien. Auch hierzulande ist Pouletfleisch oft mit solchen infiziert. Geraten sie über die Ernährung ins Verdauungssystem, können sie sich auch unter den Menschen ausbreiten. Der Forscher rät deshalb zu einer guten Küchenhygiene: Nach dem Verarbeiten von rohem Fleisch Hände und Küchenutensilien gut waschen sowie das Fleisch gut durchbraten.

Hände waschen im Spital

Wichtig ist die Hygiene auch in Gesundheitsinstitutionen. Seit die Spitäler ihr Personal vermehrt dazu anhalten, nach jedem Patientenkontakt die Hände zu waschen und zu desinfizieren, ist bei einigen Keimen ein Rückgang von Resistenzen zu beobachten. Noch immer holen sich in Schweizer Kliniken aber jedes Jahr etwa 70000 Personen einen Infekt. Rund 2000 sterben daran. Seit Kurzem müssen Spitäler die Infektionsraten nach Operationen publik machen. «Der soziale Druck sorgt für eine konsequentere Einhaltung der Hygiene», sagt Dieter Conen. Eine bessere Aufklärung und Kontrolle sei nun auch in Arztpraxen und Pflegeheimen nötig, fordert der Arzt. Aber auch gute Ausbildung und Arbeitsbedingungen würden die Anzahl Infektionen senken: «Bei Überbelegungen und wenig qualifiziertem Personal steigen die Sterberaten.»

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