ANSICHTEN: Mut zur Erziehung – haben wir das noch?

Mario Andreotti
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Wer kennt sie nicht, die zahllosen Schwierigkeiten, mit denen Eltern und Lehrkräfte in ihrer Erziehungsarbeit zu kämpfen haben? Da sind Jugendliche, die mehr oder weniger das Gegenteil von dem machen, was die Eltern möchten; dort Schülerinnen und Schüler, die sich den Anordnungen der Lehrer lächelnd widersetzen. Ein fast alltägliches Bild, gewiss; ein Bild, das uns schon längst nicht mehr zu provozieren vermag. Oder doch? Für einmal sei hier die Frage gestattet, ob unsere Erziehung nicht in eine unabdingbare Krise geraten sei.

Sie ist es, wie mir scheint, und sie ist es in zweifacher Hinsicht: zum ersten durch eine teils falsch verstandene Freiheit des Menschen und zum andern durch das daraus resultierende Fazit, vom jungen Menschen kaum mehr eine Anstrengung zu verlangen. Ich glaube, dass es heute kaum eine Wissenschaft gibt, die derart durch Einseitigkeiten gekennzeichnet ist wie die Pädagogik. Baute die ältere Pädagogik, etwa der Wilhelminischen Zeit, noch weitgehend darauf auf, dass die Erziehung zu Gehorsam und Pflichterfüllung die Grundlage einer jeden Gesellschaft sei, so wurde diese Auffassung bald einmal durch eine andere, ebenso dogmatische abgelöst, die bis heute in Theorie und Praxis mehr oder weniger Gültigkeit besitzt.

Diese «moderne» Auffassung lässt sich mit dem einen Wort des «laissez-faire, laissez-aller» treffend umschreiben. Sie geht davon aus, dass jedes Kind ein naturgegebenes Recht auf «seine» Freiheit besitzt, weil es – hier folgt man Ideen Rousseaus – in seinem innersten Kern stets gut sei. Dem Kind wird damit eine Art Natur-Heiligkeit zugesprochen. Fällt es später doch negativ auf, so ist man gewillt, diese negative Entwicklung einzig auf äussere Einflüsse zurückzuführen, etwa auf die Manipulationen einer schlechten Gesellschaft oder gar auf ein asoziales Schulsystem. Hier liegt der entscheidende Fehler der «modernen» Erziehungslehre; in ihrer krassen Einseitigkeit verkennt sie das Wesen des Menschen ebenso sehr wie der Drill zum Gehorsam früherer Zeiten.

Sicher: Der einstige Gehorsamsdrill liess sich nur allzu leicht missbrauchen und in den Dienst unmoralischer Ziele stellen. Dafür hat die Geschichte des letzten Jahrhunderts genügend Beispiele aufzuweisen. Doch diese Einseitigkeit des damaligen Obrigkeitsdenkens gibt uns neuzeitlichen Erziehern in keiner Weise das Recht, in ebenso extremer Einseitigkeit jede Form von Unfreiheit und Unterordnung abzulehnen. Eine Gehorsamserziehung, welche die Würde des Menschen nicht achtete, schadete; aber ebenso schadet eine Erziehung des Rechtes auf Freiheit, wenn die Ordnungen nicht mehr gesehen werden, in denen der Mensch steht und denen er daher verpflichtet ist.

Das kindliche Recht auf Freiheit muss in der Waage gehalten werden durch die Pflicht zur Unfreiheit, die das gemeinsame Leben in Gemeinschaft und Staat erfordern kann. Zu dieser fundamentalen Tatsache gehört auch der Mut der Erzieher, dem jungen Menschen Werte zu zeigen und zu setzen und entsprechende Forderungen an ihn zu stellen. Das bedingt allerdings, dass sie ihre Rolle als Erzieher wirklich wahrnehmen und nicht durch billige Anbiederung an ihre Sprösslinge, durch falschverstandene Kumpelei gleichsam aufgeben. Das Konzept elterlicher Führung, das im Zuge der antiautoritären Bewegung nach 1968 in eine Identitätskrise geraten ist, muss wiederaufleben. Gleiches gilt auch für die Erziehungsarbeit der Lehrer. Eine Schule, die auf den Mut zur Erziehung als erste Präferenz verzichtet und sich stattdessen mit einer auf Lehrplan und Prüfungen abgestellten Wissensvermittlung zufrieden gibt, degradiert sich selbst zu einer Rekrutierungsanstalt für eine eindimensionale Wissensgesellschaft. Ob der vom Lehrplan 21 eingeforderte kompetenzorientierte Unterricht, dessen Inhalte auf das exklusive Lernen mechanischer Verfahren und auf das «Pauken» standardisierter Tests reduziert ist, den Erziehungsauftrag der Schule noch wahrnehmen kann, wage ich allerdings zu bezweifeln.