Anabolika für die Jugend

Der Anabolika-Handel nimmt zu. Hauptabnehmer sind aber nicht Profisportler. Vor allem Jugendliche nehmen Anabolika zu sich. Sie sprechen von «Body-Tuning».

Ralf Streule
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Auf dem Weg zum perfekten Körper: Fünf Prozent aller Jugendlichen sollen gemäss Studien mit Anabolika nachhelfen. (Bild: fotolia)

Auf dem Weg zum perfekten Körper: Fünf Prozent aller Jugendlichen sollen gemäss Studien mit Anabolika nachhelfen. (Bild: fotolia)

An erster Stelle steht Viagra. Dann folgen Schlankheitspillen. Und an dritter Stelle kommen bereits Anabolika. So sieht die Rangliste illegal in die Schweiz eingeführter Medikamente aus, sagt Matthias Kamber, Chef von Antidoping Schweiz. Die Agentur, die im Auftrag des Bundes Doping bekämpft, arbeitet seit einem Jahr verstärkt mit den Zollbehörden zusammen – und war gestern mit von der Partie, als der Anabolika-Ring in der Schweiz und Deutschland aufgedeckt wurde (siehe Text unten).

Der jüngste Fall dürfte jedoch nur einer von vielen sein. Denn der Anabolika-Handel wird immer mehr zu einem grossen Geschäft. Zahlen von Antidoping, die kürzlich in der «NZZ am Sonntag» veröffentlicht wurden, zeigen: Während im Jahr 2008 noch gut 100 illegale Doping-Sendungen am Zoll beschlagnahmt wurden, waren es in den ersten fünf Monaten dieses Jahres bereits 127. Hochgerechnet auf das Jahr 2013 wären dies rund 300 beschlagnahmte Sendungen.

Jeder 20. Jugendliche nimmt Anabolika

Hauptabnehmer der leistungssteigernden Substanzen sind laut Kamber nicht Profisportler, obschon auch im Spitzensport Anabolika das wohl am häufigsten eingenommene Dopingmittel sei. Vielmehr würden die Hormone vermutlich vor allem von Amateuren im «Bodybuilding und Fitnesssport» eingenommen.

Zudem sei das Mittel bei Jugendlichen im Trend. Gemäss Studien aus den USA nehmen über fünf Prozent aller Jugendlichen Anabolika ein. Und auch in Mitteleuropa gehe man von nicht viel tieferen Zahlen aus. «Eine erschreckende Zahl», sagt Kamber. Zwar begünstigen Anabolika das von Jugendlichen erwünschte «Body-Tuning»: Anabolika vergrössert die Muskelmasse, verringert gleichzeitig den Körperfettanteil. Daneben gibt es jedoch eine Reihe schädlicher Nebenwirkungen. Anabolika sind Steroidhormone, die den körpereigenen hormonellen Regelkreis durcheinanderbringen, zu Wassereinlagerung im Körper führen, aber auch aggressives Verhalten hervorrufen können. Bei Jugendlichen führen Anabolika darüber hinaus zu Wachstumsstörungen. Bei Männern können zudem die Hoden schrumpfen und die Spermienproduktion gestört werden.

Wässrige Augen, aufgedunsener Körper

Die Einnahme von Anabolika wird strafrechtlich trotz der negativen Auswirkungen nicht verfolgt. Verboten ist hingegen der Besitz und der Handel des Dopings. Experten gehen davon aus, dass Anabolika-Mittel vor allem über illegale Internetseiten bestellt werden, aber auch im Bereich von Fitnesscentern umgeschlagen würden.

Dass Anabolika und ähnliche Substanzen im Fitnesssport vorkommen, bestätigt Michael Ammann, Geschäftsführer der Update-Fitnesscenter in der Ostschweiz. Die Centerleiter seien aber angewiesen, Sportler wegzuweisen, welche offensichtliche Anzeichen von Anabolika-Einnahme zeigten. «Wer Doping einnimmt, ist auch ein potenzieller Dopingverkäufer.» Wenn jemand regelmässig Anabolika zu sich nehme, sehe man ihm das problemlos an: «Die Augen sind wässrig, der Körper aufgedunsen», sagt Ammann. Zuerst suche er mit Betreffenden das Gespräch, verweise hartnäckige Fälle aber an andere Center, sagt der diplomierte Sportlehrer. Dies sei in den vergangenen 15 Jahren achtmal vorgekommen. Von Dopinghandel habe er in seinen Centern aber nie etwas mitbekommen. «Unsere Centerleiter würden Anzeige erstatten.» Die klassischen Fitnesscenter seien keine Anabolika-Hochburgen – im Gegensatz zu einigen Bodybuilding-Studios, die nicht von gewöhnlichen Fitnesssportlern besucht würden.

Anabolika seien ohnehin auch ausserhalb von Fitnessstudios zu einer Lifestyle-Droge geworden, vor allem unter Jugendlichen, bestätigt Ammann. «Es geht dabei nicht um Sport, sondern ums Tuning für die Badesaison», sagt er. Er kenne einige Fälle, in denen Jugendliche Anabolika einnähmen, ohne überhaupt zu trainieren. «Unter Jugendlichen wird Anabolika verharmlost», ist sich Ammann sicher. Dass der Kampf gegen den Handel verstärkt werde, sei absolut richtig.