Ameisen unterwegs

Von einer besonderen Plage berichten deutsche Biologen. Es geht um eine Ameisenart, die auch in der Schweiz heimisch ist.

Rolf App
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Bild: Rolf App

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Bevor der Mensch da war, lebten die Ameisen auf dem Planeten. Sie haben schon die Dinosaurier er- und überlebt. Und sie sind noch heute weit in der Überzahl. Auf etwa zehn Billiarden schätzt der Wissenschaftsjournalist Herbert Cerutti in seinem Buch «Sorgen eines Platzhirsches» die Zahl der Ameisen. Er nennt auch das Erfolgsgeheimnis der Ameisen: Es ist die Kooperation. Es gebe bei den Ameisen Völker, die wie ein einziger Superorganismus funktionieren. Als Fortpflanzungsorgan diene eine Königin, die zum Beispiel bei den Blattschneiderameisen bis zu 150 Millionen Töchter hervorbringen könne. Friedlich gehe es da nicht zu und her. Die Ameisenforscher Bert Hölldobler und Edward O. Wilson bezeichnen die Ameisen als die aggressivsten und kriegerischsten aller Tiere. An den Territorialgrenzen benachbarter Kolonien herrsche ständige Bedrohung.

Doch was geschieht, wenn, wie aus München und anderen deutschen Städten gemeldet, Ameisen sich so gut vertragen, dass sie sogenannte Superkolonien bilden? Dann kann es eng werden – für den Menschen.

Gern in Fels und Kies

Genau dies hat man bei einer Art beobachtet, die den Fachnamen Formica fuscocinerea trägt, und die auch in der Schweiz heimisch ist. «Sie besiedelt felsige Gegenden», sagt Isabelle Landau von der Schädlingsbekämpfungsstelle der Stadt Zürich. «Und weil unsere Städte ja in Stein gebaut sind, ist sie auch dort anzutreffen.» Wird es sehr warm, dann ist diese Ameise rasch unterwegs – nicht nur auf den Steinen, sondern auch an den Beinen. Immerhin, sagt Isabelle Landau, «sie sticht nicht und sie beisst nicht».

«Wie in einem Horrorfilm»

In Deutschland ist man beunruhigt. «Es ist an manchen Stellen wie in einem Horrorfilm, dass der Boden völlig bedeckt ist», zitiert die Deutsche Presse-Agentur den Münchner Biologen Volker Witte. Auch in Tübingen ist sie gesichtet worden, dorthin verschleppt mit Kies aus den Alpen für den Bau des Uni-Campus. «Sie hat sich dort ausgebreitet – und hat jetzt die ganze Innenstadt im Griff», beschreibt der Ameisenforscher Bernhard Seifert die Entwicklung.

Volker Witte hat Ameisen aus München mit Ameisen aus dem 50 Kilometer entfernten Murnau zusammengebracht. Sie gingen nicht aufeinander los, sondern putzten sich – ein Zeichen, dass sie sich als Zugehörige einer Kolonie erkannten. «Das Problem bei diesen Superkolonien ist: Sie haben unheimlich viele Königinnen, die permanent Eier produzieren.»

Während Formica fuscocinerea in Deutschland eine invasive Art ist, gehört sie bei uns zu den einheimischen Arten. Isabelle Landau sagt: «Wir haben sie auf unserer Dachterrasse, ich finde sie nicht besonders störend. Aber wir haben ab und zu Klagen.»