Ameisen lösen Wespen ab

Insekten Kein Konfibrot hat man letzten Sommer verzehren können, ohne dass eine Wespe davon naschen wollte. Dieses Jahr kommen vermehrt Ameisen vor – auch exotische. Diana Bula

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Pharaoameise

Pharaoameise

Wie dick auch immer der süsse Belag auf dem Brot heuer ausfällt: Die Wespen bleiben fern. «Es ist zurzeit auffällig ruhig – bei vielen Arten», sagt Jonas Barandun vom Naturmuseum St. Gallen.

Der Wissenschafter sieht den Grund dafür im langen, kalten Winter. «Insekten, die kein schützendes Versteck hatten, haben die tiefen Temperaturen nicht überlebt», sagt Barandun. In den Monaten Mai und Juni setzte dann eine regenreiche Periode ein. Raupen, Fliegen und Co. verharrten im Trockenen. Den Wespen fehlte es deshalb an Nahrung. Auch das habe den Bestand dezimiert, ist Barandun überzeugt.

Das Jahr der Ameisen

Die Anzahl der Wespen ist im Vergleich zum Vorjahr deutlich zurückgegangen, jene eines bekannten Krabbeltiers nimmt hingegen zu. «Wenn es das Jahr eines Tieres ist, dann jenes der Ameisen.» Barandun hebt besonders die tropische Pharaoameise hervor. Forscher haben das Tier aus Asien im Jahr 1902 erstmals in der Schweiz beobachtet. In Transportkisten soll sie hierher gelangt sein. Anders als die einheimische Ameise macht sie vor Häusern nicht halt. Im Gegenteil: Sie braucht Wärme, um zu überleben, und nistet sich deshalb entlang von Wasserleitungen, Heizungsrohren, in Steckdosen oder elektrischen Geräten ein. Weil in einem Volk mehrere Königinnen leben und mehrere Nester bestehen, verteilen sich die Tiere im ganzen Haus.

Gesundheitsrisiko

«In der Ostschweiz ist mir kein Fall bekannt, in dem Pharaoameisen ein Haus befallen haben. Zumindest hat sich bei uns noch niemand nach diesen Tieren erkundigt. Das ist aber wohl nur noch eine Frage der Zeit», sagt der Wissenschafter und erzählt von Vorkommnissen in Zürich und Basel.

Auf der Homepage der Beratungsstelle Schädlingsbekämpfung der Stadt Zürich (BSB) ist dem bernsteinfarbenen Tier denn auch ein ganzes Kapitel gewidmet. Pharaoameisen seien nicht nur lästig und ekelerregend, sondern auch ein Gesundheitsrisiko, heisst es da. Denn: «Sie können Pilzsporen, Krankheitskeime oder Fäulniserreger verbreiten.» Etwa indem sie von der Toilette aus bis zur Küchenabdeckung gehen und dort über den Käse krabbeln. «Ein, zwei Ameisen im Haus zu haben, macht vielen nichts aus. Manche beobachten die Tiere gerne», sagt BSB-Leiterin Gabi Müller. Kriechen jedoch zahlreiche Ameisen herum, hört es mit der Tierliebe auf. «Niemand teilt sein Haus gerne mit Ameisen.»

Nur zwei Millimeter lang

Anders als in der Schweiz verschaffe sich die Pharaoameise im Ausland nicht nur in Häuser und Wohnblocks Zutritt. Immer mal wieder finde man sie auch in Spitälern, Pharmaunternehmen und Restaurants vor. So soll in der Tschechoslowakei zu kommunistischen Zeiten eine zentrale pharmazeutische Fabrik befallen gewesen sein.

Das Fiese an der Pharaoameise: Sie misst nur zwei Millimeter – und ist damit so klein, dass der Hausbesitzer sie oft nicht oder erst dann bemerkt, wenn sie bereits mehrere Nester gebildet hat. Durch dünnste Ritzen gelangt sie ins Gebäude.

Ein Profi muss her

Laut Müller vergehen vom Ausbruch bis zur Ausrottung nicht selten Jahre. Das Risiko einer Verschleppung in andere Gebäude sei gross. «Es ist schon vorgekommen, dass sich Pharaoameisen in einer Videokassette eingenistet hatten, die oft den Besitzer wechselten.» Sie empfiehlt Menschen, die Ameisennester in ihrem Haus entdecken, sich an eine professionelle Schädlingsbekämpfungsfirma zu wenden – und rät davon ab, die Tiere selber zu bekämpfen. Etwa mit Spray. «Damit erwischt man nur ein paar wenige Arbeiterinnen. Doch ein Grossteil des Volkes überlebt, flüchtet und lässt sich an einer anderen Stelle nieder.»

Eiweiss statt Süsses

Jürg Ryffel von der Insektol AG Pest Control, die unter anderem eine Filiale in St. Gallen führt, doppelt nach: «Der Einsatz von Spray spaltet den Ameisenstaat und verdoppelt das Problem.» Immer wieder bieten Ostschweizer Hausbesitzer und Verwaltungen den Fachmann auf. «Im Frühling drehten sich 80 Prozent unserer Einsätze in der Ostschweiz um einheimische Ameisen. Unterdessen hat sich die Lage etwas beruhigt», sagt Ryffel. Ein aktueller Fall von Pharaoameisen in unserer Region ist dem Schädlingsbekämpfer nicht bekannt; 2010 und 2011 behandelte er jedoch ein Mehrfamilienhaus in Sevelen, in dem sich das Tier aus Asien ausgebreitet hatte.

Während die einheimischen Ameisenarten stark auf Süsses reagieren, bevorzugen die Krabbeltiere aus Asien Eiweisshaltiges. «Wir ködern sie mit Leberpurée.»

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