Am Anfang war das Cabrio

Cabrioletfahrer halten sich gemäss Studien für kommunikative und extrovertierte Menschen. Das war in den Anfängen des Autobaus anders. Und das Auto ohne Dach hat auch dunkle Kapitel der Weltgeschichte geschrieben.

Beda Hanimann
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Über mir der Himmel: Cabriofahren ist die sinnlichste Form des automobilen Unterwegsseins – und die unmittelbarste und archaischste. (Bild: getty/Dougal Waters)

Über mir der Himmel: Cabriofahren ist die sinnlichste Form des automobilen Unterwegsseins – und die unmittelbarste und archaischste. (Bild: getty/Dougal Waters)

Das Haar flattert im Wind. Sonnenwarm fühlt sich die Luft an, dann wieder frischt sie auf, wenn es in den Wald geht oder durch eine schattige Strassenschlucht. Es ist fast wie Schwimmen in einem See, wo man unversehens von Zonen wärmeren in solche kühleren Wassers gerät. Der Geruch frisch gemähter Wiesen liegt in der Nase – oder auch der eines Schweinestalls, ganz ungefiltert, ganz echt. Ungehindert weit ist der Blick, Baumkronen und Häuserfassaden ziehen vorbei, darüber der ganze Himmel. Wenn gilt, dass das Auto Freiheit auf vier Rädern sei, dann ist das Cabriolet die Potenzierung dieser Freiheit.

Auto für den Open-air-Boom

Eine Markterhebung hat im Mai dieses Jahres ergeben, dass schweizweit 6 Prozent aller angebotenen Autos Cabriolets sind. In allen Ostschweizer Kantonen liegt der Wert über dem Schnitt, im Thurgau sind es 7,5 Prozent, dritthöchste Cabrio-Dichte im Land. Eine Stichprobe an einem dieser Sommertage, beim Warten an einer Kreuzung in der St. Galler Innenstadt, ergab zwei Cabrios auf zehn Personenwagen. 20 Prozent, kein übler Wert angesichts des gängigen Durchschnittsklimas hierzulande. Die Lust am Cabrio, sie passt zum Open-air- und Freiluftboom unserer Tage, der vom Gottesdienst über das Tafeln bis zur Oper reicht.

Ohne Dach billiger

Das lässt beinahe vergessen, dass Automobilität unter freiem Himmel nicht immer als schickes und cooles Vergnügen galt. In Wirklichkeit steht das Cabriolet am Anfang der Autogeschichte. Die ersten Autos waren offene Fahrzeuge, der Begriff Cabriolet geht auf einen leichten zweisitzigen Pferdewagen mit faltbarem Verdeck zurück.

Diese Lösung diente nicht dem Spass, sondern war schlicht eine Geldfrage, wie Dirk Johae 2014 in der Zeitschrift «Automotorsport» schrieb: Autos mit offener Karrosserieform waren einfacher zu bauen und also kostengünstiger. Bis in die 1930er-Jahre hinein waren Fahrzeuge ohne Dach das Gängige. Erst danach änderte sich das allmählich, Cabrios verloren ihren Alltagscharakter und wurden teurer.

Das Kino entdeckt das Cabrio

Eine Wiederentdeckung und einen Boom erlebten Cabriolets in den 1960er-Jahren. Angespornt durch die Filmindustrie, wie Herbie Schmidt letztes Jahr in der NZZ schrieb: «Viele berühmte Filmautos waren Cabrios, in denen sich die Stars am besten kameragerecht inszenieren liessen.» Die Szenen mit den meist blonden weiblichen Filmstars mit wehenden Haaren seien bis heute unvergesslich und hätten «das Bild der geniesserischen Offenfahrt als Ausdruck einer Lebensart der Leichtigkeit» gefestigt. Cabrioler, übrigens, bedeutet im Französischen «Luftsprünge machen». Da wollte auch der gewöhnliche Autofahrer, die gewöhnliche Fahrerin nicht zurückstehen. Das Cabriolet ist das Vehikel für die Flaniermeilen, für das Sehen und Gesehenwerden. Studien besagen, dass Cabriofahrer sich als kommunikative, extrovertierte Menschen sehen. «Der Cabriofahrer gab sich der Öffentlichkeit preis und signalisierte, dass er sich etwas Besonderes zu leisten imstande war», schreibt Schmidt über den Boom der 60er-Jahre.

Offenheit ist auch Anfälligkeit

Die Möglichkeit, sich im offenen Wagen zu präsentieren, kam aber auch der Politik gelegen. Die Mächtigen der Nachkriegszeit zogen bei Staatsempfängen und Papstbesuchen in offenen Karossen durch die jubelnde Menschenmenge. Es waren Szenen von magistraler Volksnähe – geschrieben wurden aber auch dunkle Kapitel der Weltgeschichte. Das Bild des offenen Amerikanerschlittens, in dem John F. Kennedy 1963 den Tod fand, gehört zum kollektiven Gedächtnis der Menschheit.

Da zeigte sich: Offenheit und Befreiung der dachlosen Vehikel tragen auch Verletzlichkeit, Anfälligkeit und Angreifbarkeit in sich. Die Entwicklung von den motorisierten Triumphkutschen der Staatsmänner zu den panzerverglasten Limousinen von heute spiegelt so auch die sich wandelnde Einschätzung von Sicherheit und Gefährdung in einer Gesellschaft.

Der Drang nach Unmittelbarkeit

Heute, wo auch gewöhnliche Autos wie Panzerfahrzeuge mit eigenem Klimasystem wirken, ist das Cabriolet eine Antithese des mobilen Seins. Es verkörpert wieder den Drang nach Freiheit und ist immer noch die sinnlichste Form des Fahrens. Die unmittelbarste auch, wie damals in den Anfängen des Autobaus. Nur das, was unter der Haube ist, der Motor, das ist Moderne und Hightech in Reinkultur.